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Der Rohrauer Kiebitz ist wieder in Gefahr

In der Krebsbachaue soll dem seltenen Vogel dauerhaft eine sichere Brutstätte bereitgestellt werden

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    Offenes Land und feuchte Flächen braucht der Kiebitz, um brüten zu können - wie hier in der Rohrauer Krebsbachaue. Doch der Bestand ist gefährdet und war zuletzt wieder rückläufig Fotos: Julia Wahl

Am Montagnachmittag machte sich eine bunt gemischte Gruppe auf den Weg in die Rohrauer Krebsbachaue. Dort wurden Neuigkeiten zur Wiederansiedlung des Kiebitz vorgestellt: Die gefährdete Vogelart soll vor dem Aussterben bewahrt werden. Naturschützer und Landwirte wollen dabei Hand in Hand arbeiten.

Artikel vom 07. November 2018 - 16:06

Von Melissa Schaich

GÄRTRINGEN. Noch vor einigen Jahrzehnten bot der Kreis Böblingen dem Kiebitz sichere Brutstätten. Der Bestand baden-württembergweit verringerte sich jedoch allein in den letzten zwanzig Jahren von 5000 bis 6000 Paaren auf rund 300 Paare. Nachdem durch landwirtschaftliche Nutzung und Entwässerungsmaßnahmen die Brutmöglichkeiten der Vogelart über Jahre hinweg immer weiter dezimiert wurden, musste auch das Aus für den Kiebitz im Kreis Böblingen und der Rohrauer Krebsbachaue vermeldet werden.

Deshalb haben sich vor Jahren bereits Naturschützer für eine Wiederansiedlung des selten gewordenen Vogel stark gemacht. Mit Erfolg. Doch die Kiebitze von Rohrau sind nach wie vor in ihrem Bestand gefährdet. Während im letzten Jahr dreizehn Kiebitz-Brutpaare gesichtet wurden, wurde dieses Jahr der bestandserhaltende Wert nicht erreicht - Schuld daran war besonders der Fuchs. Trotz des Elektrozaunes war er in das Gebiet eingedrungen und hatte sich an den Nestern bedient. Hier zeigt sich das Problem einer einzigen Kolonie: Raubtiere wie Greifvögel und Füchse können nur allzu leicht die Bestände dramatisch reduzieren.

Deshalb wollen Naturschutz und Landwirtschaft jetzt noch viel enger zusammenarbeiten. Das Projekt "Dialogforum Landwirtschaft und Naturschutz" des NABU soll dabei helfen.

Landwirt Klaus Sindlinger, der sich selbst als "Rohrauer Urgewächs" bezeichnet und für die Grünen im Kreistag sitzt, hatte dazu auf seinen Hof geladen. Vor dem urigen Scheunentor - gesäumt von Kürbissen und herbstlicher Dekoration - stellte er den Wandel seines Hofes zum Demeterhof vor. "Die Umstellung stieß zunächst auf großen Widerstand", so Klaus Sindlinger, doch heute setzt sein Hof ein Exempel als Verbindungsstück zwischen Naturschutz und Landwirtschaft. Auch Andreas Kindler, Chef des Kreisbauernverbands, sprach das spannungsvolle Verhältnis der beiden Parteien an: "Vor 20 bis 30 Jahren standen Landwirtschaft und Naturschutz noch auf Kriegsfuß." Doch inzwischen nähere man sich einander an.

NABU-Projektleiter Jochen Goedecke liegt das Konzept des Dialogforums am Herzen. "Es ist uns wichtig, verschiedene Sichtweisen miteinzubeziehen", betont Goedecke, und die zum Teil hitzig geführte Debatten vor Ort zu entschärfen. Auch die Landtagsabgeordneten Thekla Walker von den Grünen sowie Paul Nemeth von der CDU betonten die Wichtigkeit einer gemeinsamen Herangehensweise, die zu konkret umsetzbaren Lösungen führen soll.

Nach einem kurzen Fußmarsch auf die Krebsbachaue übernahm der Biologe und Projektmitarbeiter Roland Steiner das Wort, der sich seit 2009 um den Rohrauer Kiebitz kümmert. Das weitläufige Gebiet, das dem Kiebitz wieder eine Heimat bietet, erstrahlte im warmen Abendlicht, während Steiner die massive Bestandsgefährdung der Kiebitze erläuterte. Zwischen frisch gepflügten Feldern und einem kleinen Tümpel, auf dem sich eine ganze Schar von unterschiedlichen Vögeln tummelt - als Zugvogel hatte der Kiebitz selbst freilich längst wieder das Weite gesucht -, stellte Steiner Maßnahmen vor, die in den letzten Jahren zum Schutz der Kiebitze ergriffen wurden. Im Jahr 2009 wurden zunächst Blänken - also kleine Tümpel - zum Schutz der Kiebitze angelegt, vorerst jedoch ohne Erfolg. Im darauffolgenden Jahr folgte der nächste Schritt: Da Kiebitze Gehölze meiden und Greifvögel auf Bäumen ideale Ansitze finden, um Jagd auf den Vogel zu machen, wurde eine ganze Reihe von Pappeln gefällt. Und siehe da: Diesmal war die Maßnahme von Erfolg gekrönt, für die Offenlandbrüter war die Gehölzrücknahme entscheidend. Erste Kiebitze wurden wieder als Brutpaare gesichtet.

Laut Steiner sei das Fällen sieben weiterer Pappeln wichtig, um das Gebiet so gehölzfrei wie möglich zu halten. Auch Wegsperrungen helfen dabei, Spaziergänger und freilaufende Hunde von den Brutstätten fernzuhalten.

Zudem schützt ein Elektrozaun die Kiebitze während der Brutzeit, denn Füchse tauchen hier immer wieder auf. Um den Vögeln das Brüten auf den offenen Böden zusätzlich zu erleichtern, ist außerdem eine Modulierung des Geländereliefs entscheidend. Was zur Zeit noch Bagger bewältigen, sollen langfristig auch Galloway Rinder vom Sindlinger Hof übernehmen, die die Flächen bearbeiten, abweiden und das Gras kurz halten.

Biologe Steiner machte auch konkrete Vorschläge, wie Landwirte die Ansiedlung von Kiebitzen positiv beeinflussen können: Mehrjährige Brachen, lautet sein Rezept. Vieles spielt sich freilich auch im Ungewissen ab, weil es noch keine Erfahrungswerte gibt. Wichtig für Steiner sind in jedem Fall die Zäune, um das Brutgebiet vor Füchsen zu schützen. "Ohne Elektrozaun können die Füchse nicht ferngehalten werden können", gibt der Biologe zu.

In seinem Schlusswort wies Landwirt Klaus Sindlinger darauf hin, dass er eine gute Entwicklung innerhalb der letzten Jahre beobachten konnte. Die Beziehung zwischen Landwirtschaft und Naturschutz sieht er auf einem guten Weg.

Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als sich die Gruppe langsam wieder auf den Rückweg machte und das Gebiet wieder seiner wohlverdienten Ruhe überließ.

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