Rohrauer Haus-Streit endet mit Vergleich

Das Wohnhaus in der Rohrauer Seestraße muss teilweise rückgebaut werden, so entschieden die Richter aus Mannheim vor Ort

  • img
    Bild 1 von 2
    Richter Wolfgang Matejka, Wolfgang Rieger und Michael Kappes vom VGH Mannheim
  • Bild 2 von 2
    Die Bürger zeigen großes Interesse bei der Entscheidung über den Rückbau des Hauses der Familie Gengenbach in der Seestraße in Rohrau Fotos: Stefanie Schlecht

Das Dach ist zu hoch, die Gauben so nicht genehmigt, das Erscheinungsbild passe nicht in die nähere Umgebung - seit 2011 ist die Seestraße 8 in Rohrau Zentrum mehrerer Gerichtsverfahren. Gestern waren drei Richter des Verwaltungsgerichtshofes aus Mannheim vor Ort und erwirkten mit den Beteiligten einen Vergleich.

Artikel vom 10. April 2018 - 19:00

Von Florian Ladenburger

ROHRAU. Die unendliche Geschichte in Rohrau scheint nach Jahren ein Ende zu nehmen. Hausbesitzer und Landratsamt haben sich gestern im Rohrauer Rathaus auf einen Vergleich geeinigt. Die Dachhöhe kann bleiben. Die südliche Dachgaube muss vollständig abgebrochen, die nördliche verkleinert werden. Alles muss bis zum 10. September erledigt sein. Dazu kommen 11 000 Euro für bereits angefallene Kosten.

Bis der Vergleich spruchreif war, musste erst eine lange Sitzung ins Land gehen. Zwei Stunden vorher: Martin Wuttke, erster Landesbeamter Böblingens und Hauptwortführer, sieht eine Art Präzedenzfall vorliegen. Mit der Genehmigung des Bauvorhabens öffne man Tür und Tor für Nachahmer. "Das nimmt dem Verwaltungsapparat die Möglichkeit zum Vollzug", sagt er. Man war bereits so weit, dass mit dem Zwangsrückbau begonnen wurde. Architekten und Gerüstbauer bestellt, ein neuer Dachstuhl gebaut. Da gingen die Hausbesitzer zum Verwaltungsgericht, und der Vollzug des Rückbaus musste wieder gestoppt werden.

"Aus unserer Sicht wurde rechtsmissbräuchlich gehandelt", sagt er weiter und nimmt damit Bezug auf die Historie des Hausbaus. Der Bauherr, das Ehepaar Gengenbach, hatte nicht wie genehmigt gebaut. Man einigte sich auf eine Änderung, auch diese wurde nicht eingehalten.

Dass die nördliche Dachgaube verkleinert werden muss, die Außenwand also um 65 Zentimeter nach innen versetzt wird, darüber herrscht schnell Einklang. Offen bleibt vorerst die Frage, ob sich das Bauvorhaben in die nähere Umgebung einfüge. Dazu klären die Richter Mannheims zuerst, was die nähere Umgebung überhaupt ist. Hierzu zähle ausschließlich die Seestraße von der Einmündung der Nufringer Straße bis zur Herrenberger Straße. Außerdem gelte nur der tatsächliche Bestand und keine Bauvorhaben, die zwar schon genehmigt seien, aber noch nicht gebaut.

Die Versammlung nimmt das Haus in Augenschein

Dann macht sich die Versammlung auf, um die entsprechende Straße in Augenschein zu nehmen. Gut 40 Interessierte begleiten die Prozessbeteiligten. Jedes Haus in der Seestraße begutachten die Robenträger, bis sie schließlich an der Hausnummer 8 landen, das seit über fünf Jahren mit einer orangen Plane bedeckt ist. Hier wird eifrig diskutiert. "Wenn ich jetzt hier am Haus vorbeischaue, sehe ich in der Gärtringer Straße ein ähnlich hohes Haus", kommt es von Seiten der Kläger. "Das steht aber nicht in der näheren Umgebung", kontert Thomas Wagner, Bauamtsleiter im Landratsamt. Und ein Beobachter kommentiert: "Das ist doch unverhältnismäßig!"

Je nach Ansicht wirke das Haus anders. Aus nördlicher Richtung kommend eher massiv, aus südlicher Richtung füge es sich gut ein, so die Meinung eines weiteren Beobachters. Die nachträgliche Genehmigung des Baus würde neue Maßstäbe setzen, was man verhindern wolle, sagt Wuttke.

Richter Rieger bringt den Vergleich ins Spiel, doch Wuttke ist skeptisch: "Wir haben wenig Hoffnung, dass der Vergleich umgesetzt wird. Es wäre ein riesiges Entgegenkommen, das einer verfahrenen Situation geschuldet wäre." Während sich die Richter unter sechs Augen besprechen, diskutiert das anwesende Volk fleißig: "Der Nächste macht sein Haus dann ein paar Zentimeter höher und sagt, die dürfen das ja auch." - "Das muss endlich ein Ende haben!" - "Ich komm später zum Mittagessen, Schatz!"

Die Richter sind sich einig, die Dachgauben müssen weg. Doch Gengenbach wendet ein, dass man zumindest die nördliche brauche, wegen einer Treppe. Um das zu beurteilen, gehen die Beteiligten in das Haus und begutachten die Dachgauben von innen. Danach geht es wieder ins Rathaus, der Vergleich wird ausgearbeitet. Das Interesse der Bevölkerung bleibt ungebrochen, der Sitzungssaal ist wieder fast voll.

Die Kosten und die Frist sind die Knackpunkte des Vergleichs

Zwei Knackpunkte gibt es beim Vergleich. Zuerst die Kosten. Das Landratsamt hat für den Zwangsrückbau schon Gelder in Höhe von gut 22 000 Euro ausgegeben. Darauf wolle man nicht sitzen bleiben. Nach anfänglichem Widerstand antwortet die Klägerin Gengenbach, ob sie mit einer Zahlung von 11 000 Euro einverstanden sei: "Keine Ahnung, ja?"

Dann steht die Frist im Raum. Bis wann soll die Baumaßnahme umgesetzt werden? Gengenbach wirft den 31. Dezember in den Raum, doch Wuttke lehnt entschieden ab. Eine Vollstreckung bis Sommer diesen Jahres sei sein Ziel. Das sei zu knapp, stimmt Rieger dem widersprechenden Gengenbach zu. Man einigt sich auf den 10. September. Sollte bis dahin nichts passiert sein, übernimmt das Landratsamt, und "die Kläger unterwerfen sich der Zwangsvollstreckung", so steht es im Vergleich.

Ob nun Gengenbachs oder das Landratsamt das Haus umbauen, wird sich zeigen. Marc Wennberg, Anwalt der Gengenbachs, ist jedenfalls zufrieden. Als er den Fall übernahm, dachte er, die Situation sei unanfechtbar. "Das Ganze hat sich im Laufe der Zeit aufgeschaukelt", sagt er nach der Verhandlung. "Heute würde der Bau genehmigt werden." Ende.

Verwandte Artikel