Serie Klimawandel bei uns (1): Förster Andreas Kuppel erklärt die Auswirkungen auf den Naturpark Schönbuch

Von Borkenkäfern und Fichtensterben

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    Forstarbeiter im Distrikt Ketterlenshalde fällen im Schnitt 35 bis 40 Fichten am Tag, um die Borkenkäferplage einzudämmen Foto: Tabea Günzler

Trockenheit, Hitze, extreme Wetterlagen: Der Klimawandel ist in aller Munde und macht sich auch im Kreis Böblingen bemerkbar. Forstrevierleiter Andreas Kuppel zeigt im Waldgebiet nahe Hildrizhausen, welche Auswirkungen im Naturpark Schönbuch sichtbar sind.

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Serie "Klimawandel bei uns" (Teil 1)
Forstrevierleiter Andreas Kuppel ist für die Wälder in Hildrizhausen und Altdorf zuständig. Er hat uns gezeigt, wie sich die Wetterextreme auf den Schönbuch auswirken.
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Artikel vom 09. August 2019 - 19:00

Von Tabea Günzler

HILDRIZHAUSEN. Freitagmorgen, 8.30 Uhr, im Staatswald zwischen Hildrizhausen und Ehningen. Auf dem Waldweg im Gebiet "Ketterlenshalde" liegen zwischen Zweigen, dunkelgrünen Nadeln und braunen Zapfen mehrere Baumstämme kreuz und quer übereinander. In den Baumkronen haben die Vögel bereits ihr Morgenlied angestimmt, am Boden knacksen und ächzen kleine Holzstöckchen unter den Füßen.

Unterbrochen wird das friedliche Idyll lediglich von den Flugzeugen, die beim Landeanflug auf den Stuttgarter Flughafen alle fünf Minuten über die Baumwipfel wummern. Ein Lärm, der symbolisch für weltweite Klimaveränderungen steht. Und die mittlerweile auch dem Schönbuch zu schaffen machen, weiß Revierförster Andreas Kuppel, der für die Forstreviere Hildrizhausen und Altdorf zuständig ist.

Zielstrebig steuert er an diesem Morgen auf eine Gruppe von Fichten zu. Diese Nadelbäume, die bis zu 40 Meter hoch werden können, sind unkompliziert, lieben kühle und feuchte Standorte und sind ganz und gar typisch für den Schönbuch. Noch. Denn ein etwa fünf Millimeter großer Unhold bedroht seit einiger Zeit ihre Existenz. Sorgt dafür, dass ihre Kronen absterben und ihre Stämme in dem Versuch, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen, Harz absondern, während er die Blätter der umliegenden Laubbäume mit rostfarbenem Bohrmehl bedeckt.

Ein eindeutiges Zeichen, dass hier ein Borkenkäfer sein Unwesen treibt. Genauer gesagt handelt es sich um den Buchdrucker, eine Unterart des Borkenkäfers. Er bohrt einen Hauptgang in den Fichtenstamm hinein und legt mehrere Seitengänge an, die davon wegführen. Im Querschnitt gleicht dieses Gangsystem, in dem der Käfer schließlich seine Larven ablegt, dem Abbild eines aufgeschlagenen Buches. Für den Baum stellt das ein Todesurteil dar.

Dass die unliebsamen Krabbeltiere in den hiesigen Gefilden ihr Unwesen treiben, ist nicht neu, wohl aber ihre Anzahl. Vor allem die extreme Hitze sowie die lange Trockenperiode im vergangenen Jahr haben die Fichten stark geschwächt. Und dem Borkenkäfer somit Tor und Türen geöffnet.

In unmittelbarer Nähe machen sich vier Waldarbeiter an ihr heutiges Tagewerk. Eine Kreissäge schreit auf, eine Axt landet krachend in einem der Fichtenstämme. Es folgt ein lautes "Aaaachtung" und der Baum neigt sich widerwillig zur Seite, rauscht zwischen den anderen Bäumen hindurch, bevor er krachend auf dem Waldboden aufschlägt. Augenblicklich machen sich die Waldarbeiter daran, die Äste vom Stamm zu entfernen und den Baumstamm in kleine Teile zu zersägen für den Abtransport.

"Mit dem Fällen der Fichten allein ist das Problem nicht gelöst", erklärt Andreas Kuppel und ergänzt: "Der Baum muss aus dem Wald raus, damit die Brutstätte entzogen und die Vermehrung verhindert wird." Mindestens 1000 Meter vom Wald entfernt werden die gefällten Fichten auf so genannten Poltern gelagert, bevor sie ins Sägewerk gebracht werden.

Dort werden die Fichten eigentlich auch gerne in Empfang genommen, stellen sie doch eines der am meisten verwendeten Bau- und Konstruktionshölzer dar. Allerdings gibt es momentan mehr Fichtenholz, als gebraucht wird. Ein Überangebot, das auch den Wirtschaftlichkeitsfaktor des Holzes und letztlich des Schönbuchs beeinflusst. "Im Moment geht es aber nicht um den Gewinn, sondern darum, den Wald zu retten", betont Kuppel. Noch kann er das Holz verkaufen. Wie lange das allerdings noch möglich ist, ist fraglich. "Alle zehn Jahre kommt ein Schad- oder Sturmereignis, aber ob es schlimmer wird, das muss man abwarten", sagt Andreas Kuppel. Denn weitere Extremjahre bedeuten auch mehr Borkenkäfer.

Buchen leiden unter Wassermangel

Wie sich die Zahl der Schädlinge im Schönbuch entwickelt, darauf haben Andreas Kuppel und seine Kollegen ein wachsames Auge: Ein ständiges Monitoring ermöglicht es ihnen, betroffene Fichten von gesunden zu unterscheiden und den Käfern - so gut es eben geht - Einhalt zu gebieten.

Anderer Ort, ähnliches Schauspiel: Im Lindacher Waldgebiet, fünf Autominuten südlich von Hildrizhausen, führen die Wege zu einer Lichtung. Mittags prasselt hier die Sonne besonders stark ein. Nicht weit entfernt durchfließt der Bach "Lindach" den Naturpark. Dieses Gebiet teilen sich Nadel- und Laubbäume: darunter auch ein paar Buchen. Auf den ersten Blick wirken sie gesund. An den unteren Ästen tragen sie noch ihr grünes Laubkleid. Weiter oben in den Baumkronen sieht die Lage schon ganz anders aus: An einigen Stellen färbt sich das Laub bereits gelb, an anderen ist es bereits heruntergefallen. Indizien, dass die Buche längst tot ist. "2018 konnten sich die Buchen noch über ihre Wurzeln mit Wasser versorgen", sagt Kuppel. "Seit der Trockenperiode aber sinkt der Grundwasserspiegel immer weiter ab." In der Folge, so der Förster, reißen die Feinwurzeln der Buche. Sind diese erst einmal kaputt, kann der Baum den Regen nicht mehr aufnehmen - und stirbt.

Eine Fläche von sieben bis acht Fußballfeldern sei in diesem Waldstück betroffen. Für Bäume, die normalerweise bis zu 100 Jahre alt werden können, ist das ein bitteres - und vor allem frühzeitiges Ende.

► Hier geht es zum Experteninterview mit Mathias Allgäuer

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