21-Jähriger aus Hildrizhausen randaliert auf Festival

Amtsgericht Böblingen verurteilt Hildrizhausener zu eineinhalb Jahren Haft ohne Bewährung

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    Hatte zuviel intus und wurde gewalttätig gegen Polizisten. Jetzt sitzt ein junger Mann aus Hildrizhausen im Kittchen Foto: Symbolbild/dpa

Versuchter Raub, schwere Körperverletzung sowie Angriff auf und Widerstand gegen Polizeibeamten lautete die Anklage gegen einen 21-Jährigen aus Hildrizhausen, der am Donnerstag auf der Anklagebank im Böblinger Amtsgericht Platz genommen hat. Allerdings mit ziemlicher Verspätung.

Artikel vom 08. Juli 2019 - 19:00

Von Simone Mücke

HILDRIZHAUSEN. Eigentlich sollte die Verhandlung um 13.30 Uhr beginnen, doch fehlte vom Angeklagten bis dato jede Spur. Deshalb ließ Richter Ralf Rose ihn von der Polizei vorführen - mit rund einer Stunde Verspätung, Hand- und Fußfesseln. "Ich habe den Termin vergessen", entschuldigte sich der Angeklagte. Verständnis schlug ihm allerdings nicht entgegen.

Was war passiert? Am 16. Juni des vergangenen Jahres ist Keynan B. (Namen von der Redaktion geändert) gegen 19 Uhr mit einem Freund in Karlsruhe unterwegs und betrinkt sich auf dem Schlossplatz mit einer halben Flasche Whiskey. Zur gleichen Zeit in unmittelbarer Nähe findet ein christliches Festival statt, das Andrea S. mit ihrem 16-jährigen Neffen besucht. Ihre Picknickdecke lässt sie für einige Zeit außer Sicht, um zur Bühne zu gehen. Als sie zurückkehrt, haben es Keynan B. und sein Kumpel sich darauf gemütlich gemacht. Die Krankenschwester schickt ihren Neffen wieder zur Bühne und will sich derweil das entwendete Stück Stoff zurückerobern.

Als sie ihre Decke zusammenfaltet, packt einer der Männer sie am Hals und ruft "No, no, no!". Der andere versucht, ihre Handtasche zu entwenden, in der sich ihr Handy, ihr Portemonnaie und eine Sonnenbrille befindet. Weil die 44-Jährige ihre Tasche fest unter den Arm klemmt, bleibt der Versuch erfolglos - trotzdem lassen die Männer nicht locker. Sie schreit laut um Hilfe und erhält Unterstützung von zwei unbekannten Männern. Als die Täter sie loslassen, rennt sie zum Treffpunkt, den sie zuvor mit ihrem Neffen vereinbart hatte. Kurz darauf erblickt sie die bereits anrückenden Polizeiautos, meldet sich aber noch nicht, da sie ihren Neffen aus der Sache heraushalten möchte. Erst am Folgetag geht sie zur Polizei, die Beamten stellen Druckspuren am Hals, Kratzer und Blessuren am Arm fest. Die DNA-Spuren, die die Beamten auf der Stofftasche und dem T-Shirt der Geschädigten finden, stimmen mit denen Keynan B.s überein.

Während Andrea S. und ihr Neffe also schon auf dem Heimweg sind, versuchen die Polizisten die beiden Männer zu verhaften. "Weil der Platz durch das Festival voller Menschen war, musste man sich erst durch die Massen durchkämpfen", erklärt einer von ihnen vor Gericht. Viele Schaulustige, laute Musik, bunte Lichter und das Handgemenge erschweren die Festnahme. Immer wieder reißt sich der Angeklagte los, zudem schlägt er wild um sich, windet und dreht sich, um sich zu befreien. Drei Polizisten gehen letztendlich mit dem Täter zu Boden, einem von ihnen tritt Keynan B. gegen den Bauch.

Streithahn wehrt sich mit Händen und Füßen

Ein weiterer Polizist fixiert den aufmüpfigen Streithahn mit dem Knie auf dem Boden, als dieser beginnt, Staub und Steine zu essen und für kurze Zeit aufhört zu atmen. Ob Keynan B. wirklich kurz weggetreten ist, oder nur bewusst ruhig liegen bleibt, ist nicht klar. Allerdings beginnt er sich kurze Zeit später erneut gegen die Polizisten zu wehren. Insgesamt braucht es sechs Beamten, um Keynan B., der trotz seines Alkoholkonsums ansprechbar und vernehmungsfähig ist, zu bändigen. Im Streifenwagen versucht Keynan B., den Fahrer mit dem Fuß zu treten, die Beamten, die links und rechts neben ihm sitzen, halten ihn daraufhin während der zehnminütigen Fahrt zur Wache still.

Im Gerichtssaal gibt Keynan B. an, zu betrunken gewesen zu sein, um sich an jene Nacht zu erinnern. Trotzdem entschuldigt er sich bei allen Geschädigten in gebrochenem Deutsch: "Ich weiß nicht was das Problem ist, aber es tut mir sehr leid." Ein leichter Pluspunkt, der bei der Urteilsfindung allerdings zahlreichen dicken Minuszeichen gegenübersteht: Seit elf Monaten lebt Keynan B. wieder in Deutschland, nachdem er zuvor bereits einen Monat hier verbracht hatte, danach aber in die Schweiz gegangen war. Eine Sprachschule hatte er zwar besucht, gearbeitet hat er aber weder in seiner somalischen Heimat, noch in Deutschland - wenn man einmal von den Arbeitsstunden aufgrund seines gut gefüllten Bundeszentralregisters absieht. Bislang liegen sieben Einträge gegen ihn vor: gefährliche Körperverletzung, unerlaubte Einreise, Sachbeschädigung, Beleidigungen und Diebstahl.

Eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten forderte schließlich die Staatsanwältin: "Ich erkenne bei Ihnen keine günstigen Umstände oder sozialen Bindungen. Und dann halten Sie es nicht einmal für nötig, hierher zu kommen", kommentierte sie. Auch sein Verteidiger konnte sich nicht auf eine gute Prognose berufen. Zumal sein Mandant für einen Messerangriff im März diesen Jahres ebenfalls angeklagt ist.

Richter Ralf Rose folgte der Forderung der Staatsanwältin. In die Gesamtstrafe eingerechnet sind dabei noch fehlende Geldsätze aus vorherigen Verhandlungen. Und weil das Gericht von einer Fluchtgefahr ausging, schickte es Keynan B. sofort in die Justizvollzugsanstalt nach Stuttgart Stammheim. Wahrscheinlich werde er aber nach der Hälfte seiner Strafe abgeschoben, vermutete Richter Rose. "Mit ihrem Angriff auf den Beamten haben sie einfach eine rote Linie überschritten", so der vorsitzende Richter. Immerhin: Während er in Haft sitzt, wird Keynan B. zumindest keinen Gerichtstermin mehr verpassen.