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Auf Cross-Skates vom Kaukasus nach Hildrizhausen

Martin Fluch ist seit 80 Tagen im Rahmen eines Charity-Projekts unterwegs und hat dabei seine alte Heimat besucht - Zielort ist Heidelberg

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    Martin Fluch (Zweiter von rechts) hat auf seiner langen Abenteuerreise vom Kaukasus nach Heidelberg am Sonntagvormittag einen Zwischenstopp am Hildrizhauser Sportheim eingelegt und dort alte Fußballkameraden getroffen Foto: Dirk Hamann

Artikel vom 03. September 2018 - 07:00

Von Dirk Hamann

HILDRIZHAUSEN. "Kennt jemand noch Martin Fluch?" Helmut Hörmann, der über viele Jahre Vorsitzender des TSV Hildrizhausen gewesen ist, erinnerte sich an einen jungen TSV-Fußballer mit diesem Namen. "Kein gewöhnlicher, aber ein positiver Vogel. Das war er ja schon beim Kicken." Martin Fluch kündigte an, am Sonntagvormittag im TSV-Vereinsheim vorbeizuflattern. Um, von Hörmann kurzfristig organisiert, ehemalige Mannschaftskameraden zu treffen, in Erinnerungen zu schwelgen. Und, um auf sein aktuelles Charity-Projekt hinzuweisen: Seit 80 Tagen ist der 58-Jährige auf Cross-Skates unterwegs. Er ist im Kaukasus gestartet, mit dem Ziel, Heidelberg zu erreichen. Die Kosten für dieses Abenteuer tragen Sponsoren - wobei 25 Prozent der Sponsoring-Beiträge direkt an die Kinderkrebshilfe Georgien gehen. Darüber hinaus sammelt Fluch unterwegs zusätzliche Spenden.

Die Zeit, in der Hildrizhausen der Lebensmittelpunkt Martin Fluchs war, liegt schon einige Jahrzehnte zurück. Seine Eltern, die er ab und an besucht, leben zwar noch hier, doch der 58-Jährige ist schon recht früh ausgeflogen. Als Kind besuchte er die Hildrizhauser Grundschule, wo er durch einen Lehrer namens Fred Köther zum Sport fand und zum Naturliebhaber wurde. Sein Abitur bastelte er am Goldberggymnasium, dort traf er auf weitere prägende Lehrkräfte, die seinen Wunsch stärkten, selbst Lehrer werden zu wollen. 1982, nach der Bundeswehrzeit in Calw, verabschiedete sich Fluch zum Lehramtsstudium - Sport und Germanistik - nach Heidelberg. Die Bande zu alten Fußballkameraden rissen, wenngleich der Kontakt zu Hörmann, sporadisch, erhalten blieb.

Als Fußballer durchlief Fluch zuvor die Jugendmannschaften des TSV. "Dann wurde er zusammen mit meinem Bruder von den Sportfreunden Kayh abgeworben", erinnert sich Hörmann schmunzelnd. Ein paar Jahre kickte Fluch dort, dann bei weiteren Kreisvereinen, ehe er in Heidelberg zunächst Rugby für sich entdeckte. Und Sportarten, die nach Ausdauer verlangen. Er bestieg unter anderem den Ätna oder 6000er in Südamerika. Und bewies auch Ausdauer in Sachen Studium: Erst nach 20 Semestern legte er 1993 sein erstes Staatsexamen ab. "Für meine Fächerkombination wurden damals keine Lehrer eingestellt", blickt er zurück. "Deshalb habe ich mir etwas länger Zeit gelassen." Nach dem Referendariat in Heilbronn arbeitete er für ein Jahr an einem Privatgymnasium in Heidelberg. Dann entschloss er sich, eine Stelle als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache im Ausland anzutreten. Aus dem "postiven Vogel" wurde ein Wandervogel: Acht Jahre unterrichtete er in der Ukraine, vier Jahre in Kirgistan, drei Jahre in Usbekistan - und zuletzt fünf Jahre in Georgien. In all diesen Jahren fand er zudem Zeit für extreme sportliche Aktivitäten, berichtete er nun seinen ehemaligen Hildrizhauser Mannschaftskameraden von einer Kajaktour, die ihn 55 Tagen über 2811 Kilometer von der Donauquelle zum Schwarzen Meer führte, von einer Besteigung des 7134 Meter hohen Pik Lenin, von einem Spendenlauf über 588 Kilometer von Bischkek nach Osch in elfeinhalb Tagen und von einem Staffellauf mit acht weiteren Läufern über 440 Kilometer in 40 Stunden für ein Kinderheim bei Karakol.

Nun hat ihn eine weitere Aktion für ein paar gesellige Stunden zurück nach Hildrizhausen gebracht. Gestartet vor 80 Tagen auf dem 2025 Meter hohen Goderzi-Pass im Kleinen Kaukasus gleitete er mit Stöcken und Skates wie ein Langläufer auf Rollen zunächst zur Hafenstadt Batumi, wo er sich von seiner Schule, in der er vier Jahre lang unterrichtete, verabschiedete. Im Schnitt 52 Kilometer am Tag lief er über die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Am Donnerstag, nach etwas mehr als 4000 Kilometern, warten am Heidelberger Schloss nicht nur seine Frau und seine vier und sieben Jahre alten Kinder auf ihn, sondern es gibt auch einen offiziellen Empfang. "Es war durchgehend heiß unterwegs", berichtet Fluch im TSV-Heim von seiner jüngsten Reise, die ihm tolle Erlebnisse beschert hat. Auch, dass er das erste und einzige Mal ausgerechnet im Schönbuch vom Weg abgekommen ist. "Da habe ich mich verlaufen, zumal sich dort ein Funkloch befindet", erzählt er. Und fügt hinzu. "Übrigens gab es unterwegs nirgends Funklöcher - bis ich in Österreich war."

Nach seiner Tour will Fluch erst einmal in Heidelberg bleiben, wobei er daran denkt, im kommenden Jahr erneut ins Ausland zu ziehen, um Deutsch unterrichten. Und der Kontakt nach Hildrizhausen? Der dürfte nach dem Zusammentreffen mit alten Kameraden wieder etwas gefestigter sein als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Heimat lässt auch den ungewöhnlichsten Vogel nicht so ganz los.

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