Jugendliche Gewalt: Woher kommt die Wut?

Mit Sturmmasken, Steinen und Machete sollen drei Jugendliche in einem Asylheim in Steinenbronn Bewohner bedroht haben.

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    Wenn Drogen beim Feiern ins Spiel kommen, kann es gefährlich werden. Foto: red

Artikel vom 03. Juli 2020 - 17:18

Von Artur Lebedew

STEINENBRONN. Die Schultern nach vorne gebeugt, den Kopf gesenkt, sitzt der 19-jährige Ashraf Husseini (alle Namen geändert) am Donnerstag auf der Zeugenbank im Böblinger Amtsgericht. Er will nicht sprechen, sagt er. Aus Angst vor den Angeklagten. Er sieht auf, schaut auf drei junge Männer, die rechts von ihm in Handschellen sitzen. Vor knapp zwei Monaten waren sie in seine Wohnung in einem Asylheim in Steinenbronn eingebrochen. Einer der Männer zog damals eine 60 Zentimeter lange Machete unter seiner Jacke hervor, schlug auf einen Tisch, so dass dort noch heute eine Kerbe zu sehen ist. "Ich mache deinen Kopf ab", soll er gesagt haben und Husseini das Schwert vors Gesicht gehalten haben, nur eine handbreit von seinem Hals entfernt, wie der 19-Jährige dann doch erzählt.

Es wird in diesen Tagen viel über junge Männer gesprochen, die randalieren, andere verletzen, Ladenscheiben einschlagen, die Polizei und den Rechtsstaat als ganzes ignorieren. Nach den Stuttgarter Krawallen von vor knapp zwei Wochen fragen sich nicht wenige, was diese Menschen nur so auf die Palme bringt. Auch im Böblinger Amtsgericht am Donnerstag ist das die Frage.

Die drei Männer, die dem Richter vorgeführt werden, sitzen nicht zum ersten Mal hier, zumindest zwei von ihnen. Nur Antonio, ein Teenager aus behütetem Elternhaus, ist ohne Vorstrafen. Beim Angriff im Asylgebäude soll er nur zufällig dabei gewesen sein. Er kommt mit Auflagen davon.

Tom, ein 19-Jähriger mit rotem Haar und rundem Kindsgesicht, der die Machete schwang, kennt das Gericht bereits. Im vergangenen September hatte er in Böblingen einen Taxifahrer mit einem Messer bedroht und Geld verlangt. Sein Stiefvater hatte ihn nach Streitereien aus dem Haus geschmissen, der Junge schlief monatelang im Wald. Als amerikanischer Staatsbürger hat er keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Er nimmt Drogen, Kokain, Heroin, fängt an zu klauen, um seinen Konsum zu finanzieren. Er werde sein Leben ändern, beteuerte er damals vor Gericht und kam mit einer Bewährung davon.

Zugedröhnt und aggressiv

Der Mitangeklagte Luca, Toms 21-jähriger Freund mit kurz geschorenen Haaren, sein "großer Bruder", wie ihn der 19-Jährige liebevoll bezeichnet, hilft ihm immer wieder aus der Patsche, besorgt ihm mal einen Schlafplatz, mal Drogen. Der 21-jährige kommt aus stabilen Verhältnissen, die Eltern haben sichere Jobs. Im Gericht schaut seine Mutter zu ihrem Jungen, schüttelt ständig den Kopf. Luca selbst ist bereits vier Mal vorbestraft, zuletzt im März, weil er auf der Straße Marihuana vertickte. Einen bleibenden Eindruck haben die Jugendstrafen jedoch nicht hinterlassen. Nur zwei Wochen nach dem Gerichtsprozess fahren die Freunde mit dem Linienbus nach Steinenbronn. Sie wollen sich für eine Lappalie rächen. Einem 15-jährigen Bekannten von ihnen seien Kopfhörer gestohlen worden, ein Mann aus dem Asylheim habe ihn "abgezogen", wie Tom sagt. Die Idee war, den Mann einzuschüchtern. "Also spielten sie mit der Machete den Rächer", sagt der Richter in Richtung des 19-Jährigen. Der schweigt und nickt. 20 Minuten dauert das Schauspiel im Asylheim. Tom hält den vier Anwesenden die Machete vors Gesicht, schaut jedem in die Augen. "Ich hatte große Angst", sagt später einer der Zeugen.

Die Polizei trifft die Jugendlichen im Bus auf dem Heimweg. Tom legt die Machete auf den Boden, streckt die Hände in die Höhe. Wie im Film wirkt das. Kurz darauf werden die Jugendlichen vorläufig freigelassen. Nur fünf Tage später, nach einem erneuten Vorfall in der Asylunterkunft, kommen sie jedoch nicht so einfach davon.

Mit einem Stein wirft Luca ein Fenster ein. Er ist betrunken und mit Drogen zugedröhnt. Danach geht er mit Tom in das anliegende Jugendhaus. Jemand beobachtet ihn und ruft die Polizei. Sie findet den 21-Jährigen im Obergeschoss. Er ist im Rausch weggetreten und hechelt nach Luft. Ein Arzt versichert später, dass Luca dem Tod nur knapp entkommen sei. Die Polizei findet außerdem Lucas Rucksack in einem Mülleimer. Darin: Sturmmasken, eine Feinwaage und knapp 70 Gramm Marihuana. Im Gericht geben die Freunde zu, die Drogen später verkaufen zu wollen.

Wegen Androhung gefährlicher Körperverletzung, Besitz und Handel mit Rauschmitteln muss der 19-jährige Tom für zwei Jahre und drei Monate in die Jugendvollzugsanstalt. Sein Freund Luca kommt für ein Jahr und sieben Monate hinter Gitter.

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