Der verspielte Waldenbucher Wald

Sagen und Geschichten aus dem Kreis Böblingen auf Zeitreise-BB.de, Teil 1

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    Waldenbuch hat wunderschönen Wald - doch es könnte viel mehr sein Foto: Bischof/Archiv

Artikel vom 17. Juni 2019 - 04:00

WALDENBUCH (red). Die Witwe von Herzog Eberhard im Bart, die edle Barbara von Mantua, zog sich nach dem Tod ihres vielgeliebten Gemahls in den Schönbuch zurück und lebte auf ihrem Witwensitz zu Böblingen und auf dem Hasenhof bei Waldenbuch. Sie war den Waldenbuchern eine mütterliche Freundin und Wohltäterin, deren Name noch heute in der Gegend dankbar und voll Ehrung genannt wird.

An der Kochermühle im Reichenbacher Tal hatte sie eine große Viehzucht, und sie lieferte selbst Butter und Schmalz an den Hof gen Stuttgart. Ja, sie war - nach ihrem eigenem Ausspruch - bereit, mit dem armen Volk Speck und Bohnen zu essen.

Eines Tages hatten nun die Waldenbucher ihrer gütigen Herrin geklagt, sie möge ihnen doch zu etwas mehr Wald behilflich sein, da die Herrschaft ja dessen ringsum gar viel habe. Die Fürstin war dem Städtle hold gesinnt und ließ Bescheid sagen, sie wolle dafür besorgt sein; es solle aber der Schultheiß mit dem Waldmeister und dreien Männern vom Gericht beim Mittagläuten vom Rathaus weg gen Weil im Schönbuch gehen; sie wolle alsdann ihren Jäger, den Waldvogt und den Bebenhäuser Klostermaier von Weil ihnen entgegensenden; die sollten mit den Waldenbuchern über die neue Markungsgrenze verhandeln.

Nun hatte aber die Herzogin ihren Abgesandten zu wissen getan, da wo sie von Weil her mit den Waldenbuchern zusammenträfen, da solle die neue Grenze zwischen der Herrschaft von Württemberg Wald und den Waldungen der Stadt für alle Zeiten vermarkt und versteint werden.

Die "Linde" wird zum Verhängnis

Als der Schultheiß und seine Mannen aber zum letzen Haus von Waldenbuch, dem Wirtshaus zur "Linde", kamen, da blieben sie davor stehen, und der Schultheiß meinte: "Vor so einer großen Sach und an so einem heißen Tag lohnet sich's, zuvor einen rechten Trunk zu tun; und es ist an dem, dass wir bei einem Most und einem rechten Viertele dazu den ganzen Handel wohl noch einmal in guter Ruhe können bereden; und überhaupt laufet uns der Weilemer Berg noch lange net davon." Während sie aber taten, was der Schultheiß sie geheißen und ihr Herz ihnen eingab, da lief eben der Weilemer Berg doch davon.

Als sie endlich aufbrachen und vor der "Linde" auf die Straße traten, da sahen sie schon von weitem die Boten der Herzogin eilenden Schrittes und sehr geschwind den letzten Buckel gen Waldenbuch herunterkommen. Als der Waldmeister solches sah, da ging ihm ein Licht auf. Er rannte spornstreichs den Herzoglichen entgegen und die anderen keuchten ihm nach. Der Wein setzte ihnen aber ärger zu als der Berg, und so kamen sie in Schweiß gebadet und fast außer Atem auf der Höhe an. Aber es war schon zu spät, und sie hatten verspielt.

Eine schwache Viertelstunde vor den Mauern der Stadt trafen die Waldenbucher mit den Boten der Fürstin zusammen. Und jetzt erfuhren es die betrübten Stadtväter, dass des Waldmeisters Ahnung es doch richtig getroffen, und dass es ein teures Schöpple gewesen war, das sich die Tapferen zu der Stadt ewigem Unheil in der "Linde" vergönnt hatten. Also kam es, dass die zu Waldenbuch, obgleich sie mitten im weiten Schönbuch wohnen, doch einen so geringen Stadtwald ihr Eigen nennen.

  Erstveröffentlichung: Aus Schönbuch und Gäu. Beilage des Böblinger Boten, Nr. 1/1949.
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