50-Jährige rastet mehrfach aus: Sechs Monate Haft

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Artikel vom 24. Mai 2019 - 08:00

Von Sandra Schumacher

STEINENBRONN. Es ist nicht das erste Mal, dass Rosi T. (Name von der Redaktion geändert) am Donnerstagmorgen auf der Anklagebank im Böblinger Amtsgericht Platz nimmt. Die 50-Jährige Steinenbronnerin ist nicht nur seit mehreren Jahren ein Stammgast in der Ausnüchterungszelle des Böblinger Polizeireviers, sie hat sich auch Ende 2018 schon einmal wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung im Gerichtssaal von Richter Werner Kömpf wiedergefunden. Damals musste die Verhandlung gleich zweimal angesetzt werden, weil Rosi T. alkoholisiert zum ersten Termin erschienen war. "Für die Angeklagte gehören diese Taten zu den Klassikern", bemerkte der vorsitzende Richter. Was war also diesmal passiert?

Am 23. Mai 2018 alarmieren Nachbarn aus Steinenbronn in den späten Abendstunden die Polizei, weil Rosi T. im Alkoholrausch wieder einmal auffällig wird. Die Beamten nehmen die 50-Jährige in Gewahrsam und bringen sie ins Kreiskrankenhaus nach Böblingen, wo eine Haftfähigkeitsuntersuchung durchgeführt wird. Dabei stellt der behandelnde Arzt einen Alkoholpegel von 1,8 pro Mille fest. Nach der Untersuchung soll Rosi T. die Nacht auf dem Polizeirevier verbringen. Als die Polizisten sie abführen wollen, widersetzt sie sich und versucht sich loszureißen - und bekommt daher Handschellen verpasst. Am Streifenwagen angekommen, lässt Rosi T. sich auf den Boden fallen, verhakt ihre Füße unter der Tür, sodass die Beamten sie nur mit Mühe ins Auto bugsieren können, wo sie mit den Füßen gegen die Autotür, nicht aber nach den Beamten tritt. Vorsichtshalber nimmt einer der Polizisten neben ihr auf der Rückbank Platz. Als Rosi T. Kopf und Körper unruhig hin und her dreht, drückt der Beamte sie zur Seite, damit niemand verletzt wird. Rosi T. beschimpft ihn daraufhin, nennt ihn einen "Wichser und Psychopaten". Der Ausnüchterungszelle entgeht sie trotzdem nicht.

Torkelnd auf die Straße gelaufen

Gut zwei Monate später, am 1. August 2018, ruft Rosi T.s Betreuer, der ihr in Angelegenheiten des täglichen Lebens unter die Arme greift, morgens die Polizei zu Hilfe, weil die Steinenbronnerin betrunken in einem Straßengraben liegt. Als die zwei Beamtinnen eintreffen, torkelt Rosi T. umher und versucht, sich auch hier den Polizistinnen zu widersetzen. Dabei läuft sie immer wieder auf die Straße, wo sich der Verkehr bereits staut. Trotzdem gelingt es den Ordnungshüterinnen, Rosi T. ins Auto und anschließend ins Kreiskrankenhaus zu bringen, wo erneut eine Haftfähigkeitsuntersuchung durchgeführt wird. Ihr Pegel an diesem Tag: 2,6 pro Mille. Auch diesmal soll Rosi T. mit aufs Revier. Und erneut widersetzt sie sich, ruft auf dem Weg zum Streifenwagen um Hilfe und droht mit den Worten "Ich scheiß' mir in die Hose", sollten die Beamtinnen sie nicht loslassen - und setzt ihre Drohung anschließend in die Tat um. Den Weg aufs Revier muss sie trotzdem antreten.

Angeklagt ist Rosi T. am Donnerstagmorgen wegen dieser zwei Delikte, in ihrer Akte finden sich aber viele weitere ähnliche Vorfälle. Immer unter Alkoholeinfluss. Sie habe immer schon getrunken, sagt Rosi T. aus, aber nach der Trennung von ihrem damaligen Freund 2013 habe sie die Kontrolle verloren und sei zudem depressiv geworden. Eine Aussage, die auch die hinzugezogene Gutachterin bestätigt, die außerdem erklärt, dass Rosi T. während ihrer Taten zwar vermindert schuldfähig war, die Steuerungsfähigkeit über sich selbst aber nicht komplett eingebüßt hatte. Sie habe auch schon eine Therapie gemacht, erklärt Rosi T., danach zwar nicht ganz aufgehört zu trinken, aber ihren Konsum drastisch reduziert. Nur noch dreimal wöchentlich habe sie danach zur Weinflasche gegriffen. Richter Kömpf bezweifelt das. Er kenne sie nur alkoholisiert, ebenso wie die als Zeugen geladenen Polizistinnen, die regelmäßig mit Rosi T. zu tun gehabt hätten.

Wirklich Schluss mit dem Alkohol ist für Rosi T., als sie aufgrund ihrer gesammelten Missetaten ihre aufsummierte Haftstrafe zunächst in der Justizvollzugsanstalt in Schwäbisch Gmünd, ab Januar diesen Jahres dann aufgrund psychischer Probleme im Justizvollzugskrankenhaus in Hohenasperg antreten muss.

Heute habe sie begriffen, dass es so nicht weiter gehen könne. Deshalb wolle sie nach ihrer Haft eine weitere dreimonatige Therapie bei einer offenen Einrichtung in Calw beginnen. Eine Zeitspanne, die die Gutachterin für zu kurz hält, denn die Rückfallgefahr sei aufgrund ihrer Suchterkrankung und des weggebrochenen sozialen Umfelds hoch und erfordere etwa eine einjährige Behandlung.

Heiße Diskussionen vor dem Urteil

Für die Staatsanwältin Grund genug, eine Gesamtstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung mit anschließender Unterbringung in einem Entziehungsheim zu fordern. Ob der Weg, den seine Mandantin angepeilt habe, wirklich der richtige sei, wagte auch ihr Anwalt zu bezweifeln, eine längere Behandlung sei vielleicht zielführender. Allerdings reiche die Schwere ihrer Delikte nicht aus, um eine anschließende Maßregelung in Form einer Zwangsunterbringung zu begründen. Eine Ansicht, der das Schöffengericht nach "heißen Diskussionen" folgte und daher nur die Haftstrafe von sechs Monaten verhängte, erklärte Werner Kömpf. "Auch wenn eine Unterbringung in einem Entziehungsheim sicher das Beste für sie wäre", fügte er hinzu. "Sie sollten während Ihrer verbleibenden Haftzeit noch einmal nacharbeiten, ob auch ein anderer Weg für sie in Frage kommt."