Baustreit wegen missachteter Vorschriften in Waldenbuch

Am Ortsrand des Stadtteils Glashütte sollen drei Mehrfamilienhäuser gebaut werden - Bauherr hat Vorschriften des Naturschutzes ignoriert

  • img
    Tatsachen geschaffen hat das Waldenbucher Bauunternehmen W.I.B. und den Hang für Neubauten roden lassen - Lebensraum für Zauneidechsen wurde dadurch zerstört Foto: Martin Müller

Artikel vom 09. Juni 2018 - 22:00

Von Martin Müller und Volker Held

WALDENBUCH. Wer vom Abenteuerspielplatz auf den Waldenbucher Stadtteil Glashütte zufährt, wird rechter Hand von einer großen Wunde im bewaldeten Hang begrüßt. Hier sollen drei Mehrfamilienhäuser entstehen. Allerdings ging es bei der Bereitung des Baufeldes nicht mit rechten Dingen zu. Lebensraum für Eidechsen wurde zerstört.

Die Waldenbucher Immobilien Bauträger GmbH (W.I.B.) hat ihren Sitz in der Hausnummer 25 im Glashütter Täle. Das Unternehmen von Taysir Agel, der sonst in Waldenbuch vor allem als KfZ-Händler in Erscheinung tritt, möchte die Flurstücke 4018/2 und 4030/1 dort selbst mit drei Mehrfamilienhäusern bebauen - und zwar im nördlichen Anschluss an die Hausnummern 25, 27 und 29. Nach einstimmigem Beschluss des Technischen Ausschusses vom Dienstag soll hierfür ein vorhabenbezogener Bebauungsplan aufgestellt werden.

Doch die planungsrechtlich vorgeschriebene Verfahrensweise hat Bauherr Agel klar missachtet und den Hang roden lassen, ohne dies vorher mit den Naturschutzbehörden abgestimmt zu haben. Ein klarer Fall von Umweltfrevel, der auch bei der städtischen Ordnungsamtsleiterin Katharina Jacob auf keinerlei Verständnis stieß.

CDU-Rat Karl Rebmann wetterte, dass hier "mit der Motorsäge Fakten geschaffen" worden seien. Und auch Heidrun Rohse (SPD) erinnerte daran, dass das Projekt mit "einer rechtswidrigen Baumfällung" begonnen hat: "Diese Vorgehensweise ist absolut nicht in Ordnung."

Offenbar bereits im Februar 2017 hat der Eigentümer und Bauherr unerlaubterweise großflächige Rodungen auf dem Hang vornehmen lassen. Dran glauben mussten auch einige kapitalere Eichen. Auf Nachfrage der KRZ spricht Waldenbuchs Hauptamtsleiter Ralph Hintersehr von einer "Verbotstat nach dem Bundesnaturschutzgesetz". Von Seiten der Stadt sei der Bauherr auch darauf hingewiesen worden, dass eine Fällung nur unter Beachtung der Vorschriften des Naturschutzes erfolgen dürfe. Die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt Böblingen hat infolgedessen ein Bußgeld verhängt.

Ersatzhabitate im Westen

Als weitere Konsequenz aus dem Umweltfrevel hat die Naturschutzbehörde im Nachhinein noch die Durchführung einer speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung (saP) angeordnet. Diese wurde vom Landschaftsplanungsbüro Stadt/Land/Fluss aus Nürtingen erstellt und nun im Technischen Ausschuss vorgelegt. Aus der Drucksache geht klar hervor, dass das Baufeld Lebensraum für Zauneidechsen war. Zwölf erwachsene Exemplare konnten noch nach der Rodung nachgewiesen werden. Um ihnen das Überleben zu ermöglichen, hat die Untere Naturschutzbehörde Maßnahmen zu deren Vergrämung angeordnet. Weshalb der komplette gerodete Hang mit Folie überzogen wurde; auf diese Weise sollen die Eidechsen zum Abwandern hangaufwärts in den Westen des Baufelds gezwungen werden. Hier wurden Ersatzhabitate geschaffen - fünf Steinhäufen in Kombination mit Holzstapeln und Reisighäufen. Für den Ausgleich der entstandenen Schäden muss der Eigentümer aufkommen.

Ein kleiner Trost bleibt bei alledem: In den Holzstößen, die das Büro Stadt/Land/Fluss nach der Fällung inspiziert hat, konnten keine Bruthöhlen entdeckt werden. Weder Fledermäuse noch Spechte also dürften hier ihr Zuhause gehabt haben.

Die Grundstücke liegen im Geltungsbereich des qualifizierten Bebauungsplans Glashütter Täle, der in diesem Bereich allerdings kein Baufenster, sondern lediglich eine Grünfläche vorsieht. Dies soll mit der Aufstellung des vorhabenbezogenen Bebauungsplans nun geändert werden.

"Wir müssen klar sagen, was wir in diesem Bereich städtebaulich für vertretbar erachten", appellierte Bürgermeister Michael Lutz an die Ratsmitglieder, den entsprechenden Rahmen für das Vorhaben festzusetzen. In einem einstimmigen Beschluss signalisierte der Technische Ausschuss dem Bauherrn, dass das Bauvorhaben grundsätzlich vorstellbar ist; ein vorhabenbezogener Bebauungsplan wird demnach aufgestellt. In einem städtebaulichen Vertrag will die Stadt nun erreichen, dass ein Mindestabstand der Bebauung von zweieinhalb Metern zum Gehweg und zum Regenwasserkanal eingehalten wird. Eine Bebauung des angrenzenden, außerhalb des Bebauungsplans Glashütter Täle und teilweise im Landschaftsschutzgebiet liegenden Flurstücks 4020 soll nach dem Beschluss des Technischen Ausschusses nicht weiterverfolgt werden.

19 Wohneinheiten sollen entstehen

Die aktuelle Planung der W.I.B. sieht im Hangbereich den Bau von drei mehrgeschossigen Mehrfamilienhäusern mit 19 familienfreundlichen Wohneinheiten und einer Gesamtwohnfläche von 1833 Quadratmetern sowie einer Tiefgarage mit 37 Plätzen vor. Damit ist der von der Stadt gewünschte Schlüssel von zwei Stellplätzen je Wohneinheit fast erreicht. Um die Einfahrt zur Tiefgarage realisieren zu können, ist Bauherr Agel allerdings auf einen schmalen Grünstreifen zwischen dem Baufeld und dem Gehweg angewiesen, den er gerne von der Stadt erwerben würde. Ob ihm die Gemeinderäte da entgegenkommen werden, bleibt abzuwarten. Denn viele sind noch ordentlich vergrätzt.

Der 68-jährige deutsche Staatsbürger Taysir Agel gibt sich auf Nachfrage der KRZ bedrückt und ist um Wiedergutmachung bemüht: "Ich mache alles, was der Bürgermeister und der Gemeinderat wollen. Und alle wollen doch auch, dass Wohnraum geschaffen wird", sagt er. Den Wirbel, den sein Vorgehen nun mit der Presseberichterstattung auslöst, mag er da nicht so recht verstehen. Mit seinem Betrieb W.I.B hatte Agel im Übrigen bereits vor 18 Jahren die benachbarten Hausnummern 27/29 im Glashütter Täle hochgezogen. Damals sei alles glatt gelaufen, sagt er.

Verwandte Artikel