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Spendenaktion für ein neues Bein

Susi Wrede aus Schönaich startete eine Spendenaktion, damit sich ihre Freundin Kinga Pongracz eine neue Bein-Prothese kaufen kann

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    Zwei Freundinnen, ein Schicksal: Susi Wrede (links) und Kinga Pongracz haben beide ein Bein verloren Fotos: Florian Ladenburger
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    Susi unterstützt Kinga wo es nur geht
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    Kingas Prothese

Vor 20 Jahren hatte die Ungarin Kinga Pongracz einen schweren Autounfall. Sie verlor dabei ihre zwei engsten Freunde, ihren Verlobten und ein Bein. Ihre Freundin Susi Wrede aus Schönaich startete eine Spendenaktion, damit sich Pongracz eine moderne Prothese kaufen – und endlich wieder ohne Krücken laufen kann.

Artikel vom 03. September 2018 - 13:30

Von Florian Ladenburger

SCHÖNAICH. Es ist ein schöner Sommertag in Schönaich. Lachend laufen zwei Frauen auf dem Gehweg entlang. Es sind die Freundinnen Susi Wrede aus Schönaich und Kinga Pongracz aus Budapest in Ungarn. Sie sind so heiter gestimmt, wie das Wetter. Dabei hätte Pongracz allen Grund zur Klage: Sie hat nur ein Bein und läuft auf Krücken.
Vor etwa 20 Jahren hatte sie einen schweren Autounfall. Danach musste ihr das rechte Beim amputiert werden. Seitdem kann die Ungarin nicht mehr ohne Hilfe gehen. Von der Krankenkasse hat sie zwar eine Beinprothese bekommen. Das Laufen mit dieser ist aber sehr schwer, weil Pongracz? Stumpf sehr kurz ist. „Die Prothese ist sehr schwer und sie muss im Prinzip bei jedem Schritt aufpassen, dass sie sie nicht verliert“, erklärt ihre Freundin.
Trotzdem ist die gebürtige Ungarin gut gelaunt. „Seit ich dich kenne, lächelst du“, sagt ihre Freundin und lächelt dabei selber wie ein Honigkuchenpferd. Zugegeben, die beiden kennen sich noch nicht besonders lange, erst wenige Monate. Doch scheinen sie schon so vertraut, als ob sie seit Jahren befreundet wären. Seelenverwandte sind sie nicht, aber ein verbindendes Element gibt es: Auch Susi Wrede ist amputiert.
Getroffen haben sich die beiden vor wenigen Monaten auf einer Messe in Leipzig. Dort wurde ein neues Prothesen-Kniegelenk vorgestellt, das extra für Menschen mit sehr kurzem Stumpf hergestellt wurde. Susi Wrede war aus beruflichem Interesse dort, sie ist Physiotherapeutin und Gehschul-Trainerin für Amputierte. Kinga Pongracz, weil sie mit ihren 45 Jahren immer noch davon träumt, einmal ohne Krücken gehen zu können. Für den britischen Prothesen-Hersteller Orthomobility war sie auf der Messe sozusagen als Model dabei und demonstrierte eine neuartige Prothese. Als Wrede zum Messe-Stand kam und die Leidensgenossin sah, war es Freundschaft auf den ersten Blick, wie es Pongracz später beschreibt.
Wrede ist begeistert, wie Pongracz mit der Prothese zurecht kommt: „Kinga hat in zwei Tagen geschafft, was normalerweise Monate braucht: Das freie Gehen ohne Krücken.“ Zwei Tage und Nächte hat sie mit ihren neuen Freundin geübt, an Schlaf war kaum zu denken. „Es waren zwei intensive Tage“, erinnert sich die Krankengymnastin. „Alle Zweibeiner waren im Bett, wir waren bis sechs Uhr noch auf der Party.“
Pongracz hat in zwei Tagen geschafft, was sonst Monate braucht
Nach all den positiven Erfahrungen, war es für Susi Wrede „umso krasser, dass man Kinga die Prothese wieder wegnehmen musste.“ Jetzt muss sie wieder mit ihrer alten Gehhilfe laufen. Sie könnte die neue Prothese kaufen, doch die kostet 12 000 Euro und die Krankenkasse zahlt das nicht. Schließlich hat sie ja schon ein künstliches Bein. Wrede wollte das nicht akzeptieren und startete über ein Internetportal die Spendenaktion „A leg for Kinga“. Jeder kann dort Geld spenden, damit sich Pngracz ihre Prothese kaufen kann (Siehe Info-Katen). Die Höhe des Betrags ist egal: „Auch fünf Euro helfen uns schon weiter“, sagt sie.
Kürzlich fuhren die beiden nach Tübingen. Dort hat Sebastian Lindemann, Techniker von Orthomobility, und Thomas Reinhardt, Wredes Techniker, für Pongracz eine Prothese zusammengebaut, direkt angepasst an ihren Stumpf. Und für diese sammelt Susi Wrede nun eifrig Spendengelder.
„Ich bin so aufgeregt“, sagt Kinga Pongracz während sie durch den Schönbuch fahren. „Wow, das ist schön“, und meint damit die grünen Wälder. Als sie das Ortsschild passieren, sagt Wrede: „Das nächste Mal, wenn du kommst, dann laufen wir durch Tübingen, ohne Krücken!“ Ihre Freundin erwidert: „Ich kann es kaum erwarten, sie zu probieren.“ Schon beim Aussteigen ist sie ganz ungeduldig. Und strahlt über das ganze Gesicht.
Schließlich ist es so weit. Sebastian Lindemann hält das Objekt der Begierde in der Hand. Schnell „schlüpft“ Pongracz hinein. „Es ist unglaublich“, ruft sie, noch bevor sie auch nur einen Schritt getan hat. Susi Wrede als ihre Mentorin steht direkt hinter ihr und gibt Ratschläge: „Behalte das Gewicht auf deinem Bein, nicht nachdenken.“ Pngracz nickt, und zittert. Dann macht sie einen Schritt. „Stopp!“, ruft ihre Freundin. „Nicht nachdenken! Nur laufen.“ Beim zweiten Anlauf hat sie keinen Einwand, Pongracz durchquert den Raum mit zwei Krücken.
Die Ungarin ist jetzt nicht mehr zu bremsen. Sie bekommt ihr Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht, immer wieder läuft sie durch das Zimmer. Nacheinander nimmt Susi Wrede ihr die Krücken weg, bis die 45-Jährige nur mit der Hand am Geländer eine Rampe im Raum bezwingt. Es ist fast ein Spaziergang für sie. Die Physiotherapeutin ist beeindruckt: „Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich das so schnell traut.“
Spurlos geht es aber nicht an Kinga Pongracz vorbei. Sie zittert und ist ganz verschwitzt, obwohl sie nur ein ärmelloses Top und eine kurze Hose trägt. Das Laufen mit Prothese ist für sie so anstrengend, wie wenn ein Zweibeiner joggt. Außerdem ist es enorm schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Mit der neuen Prothese ist ihr Körperschwerpunkt weiter nach oben gerückt. Techniker Lindemann bringt es mit einem anschaulichen Vergleich zwischen alter und neuer Prothese auf den Punkt: „Ein schwerer Schuh trägt sich anders als ein schwerer Gürtel.“ Susi Wrede hilft ihrer Freundin, wo sie nur kann.
„Ich bekomme mein altes
Leben zurück“, hofft Pongracz
Sie kniet sich, trotz ihrer eigene Prothese, um Pongracz? Metallfuß zu positionieren, redet ihr gut zu, hat sogar Kekse mitgebracht. Nach einiger Übung schafft die 45-Jährige es sogar, eine kleine Treppe seitlich der Rampe hinauf und hinab zu steigen. „Es ist unglaublich“, sagt Pongracz?, immer noch strahlend lächelnd. Sie ist glücklich: „Ich bekomme mein altes Leben zurück!“ Ein Leben, das noch so viel für sie bereit hält. Zum Beispiel ihre Hochzeit im Herbst. Doch nach knapp einer Stunde ist Schluss.
Sie muss die Prothese wieder abgeben. „Fliehe! Renn um dein Leben!“, ruft Susi Wrede zum Spaß. Mit einem leisen Plopp entfernt Lindemann das künstliche Bein. Kinga streckt ihre Hand sehnsuchtsvoll danach aus. Aber noch kann sie es nicht behalten. Noch fehlen ihr knapp neun tausend Euro. 

Spendenaufruf:

  Wer ebenfalls Geld spenden möchte für Kinga Pongraczs neues Bein, kann dies über das Portal Gofundme im Internet tun unter: http://www.gofundme.com/a-leg-for-kingaKinga und Susi freuen sich über jeden Betrag.

 

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