Humor: Holzgerlinger sind mal wieder ihrer Zeit voraus

Abbiegepfeile im Neubaugebiet Dörnach verweisen auf Grundstückszufahrten, die es noch gar nicht gibt

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Artikel vom 12. Juni 2019 - 20:00

Von Martin Müller

HOLZGERLINGEN. Holla. Welchen Schildbürgerstreich haben sich die Holzgerlingen hier geleistet? Da stehen im Neubaugebiet Dörnach doch glatt Rechts- und Linksabbiege-Pfeile vor einer Einbahnstraße. Doch rechts und links geht's gar nicht weiter. Was im ersten Moment abstrus erscheint, offenbart in Wahrheit die unnachahmliche Genialität des Holzgerlingers an und für sich.

Pfeil rechts, Pfeil links - beides vor einer Einbahnstraße. Doch rechts und links geht's nur ins Off des Bauerwartungslands. Handelt es sich hier vielleicht um eine Aufmunterung zur Pistentour? Wartet hier eine erd-reiche Gelände- und Hügelstrecke auf ihre lang ersehnten Offroader, bereit deren Stoßdämpfer einem Holterdipolter-Härtetest zu unterziehen? Wird hier also zu guter Letzt nichts anderes entstehen als eine Teststrecke für SUVs von Daimler oder Porsche?

Nichts von alledem, weit gefehlt. Was hier zu sehen ist, ist der vielgerühmte, ja weltberühmte "Holzgerlinger Standard". Was das ist? Den Holzgerlingern eilt ja der Ruf voraus, dass sie ihrer Zeit systematisch voraus sind. Dieser Zeitvorsprung, dieses visionäre Denken zwingt viele zum Nachahmen - und genau dies findet in der schönen Sentenz vom Holzgerlinger Standard seinen mitunter recht selbstgefälligen Ausdruck: Hier, in Holzgerlingen, werden Maßstäbe gesetzt. Und die Weis- und Wahrheit dieses Holzgerlinger Selbstbewusstseins erhält nun mit dem vermeintlichen Schildbürgerstreich ihr eindrucksvolles Sinnbild.

Auf die verzwickte Angelegenheit aufmerksam gemacht hat uns unser Leser Hinrich Ganzenberg aus Alt-Holzgerlingen. Er hat auf den Auslöser gedrückt und uns das dazugehörige Foto auch gleich zugeschickt, mit der Bitte, der Sache doch mal nachzugehen und sie publik zu machen. Tags darauf hat sich auch schon der nächste Kreiszeitungsleser zu Wort gemeldet: Helmut Wendel, ein Herr aus Altdorf. Er findet es "einfach zum Schmunzeln", was die Holzgerlinger da zuwege gebracht haben. Doch der gute Mann aus Altdorf hat schlicht übersehen, welche Tragweite dahintersteckt - welche glänzende Voraus- und Weitsicht sich gerade hier, im Sinnbild des Holzgerlinger Standards, manifestieren durfte. Was - zugegeben - gerade für Auswärtige auf den ersten Blick schwer zu verstehen ist, gar als abstrus missdeutet werden könnte.

Also, liebe Leute und liebe Leser aus nah und fern: Alles, aber auch wirklich alles, hat hier im Neubaugebiet seine Richtigkeit - auch wenn es zurzeit überhaupt nicht danach aussieht. Nicole Jassmann, stellvertretende Hauptamtsleiterin in Holzgerlingen, klärt die Sache im Handumdrehen auf: "Das sieht nur momentan so komisch aus", sagt sie, "weil rechts und links erst noch Zufahrten zu zwei Gewerbebetrieben gebaut werden müssen." Daher also weht der Wind.

Die Holzgerlinger haben die Verkehrsschilder wohlweislich so geplant, dass sie auf Zukünftiges vorausweisen - nur das hinterherhinkende Hier und Heute lassen sie ins Leere laufen. Denn es ist der planerische und kommunalpolitische Wille, dass, wer künftig von der B 464 auf Höhe der neuen HEM-Tankstelle abfährt, nur diese beiden erst im Entstehen begriffenen Firmen wird erreichen können. Die Durchfahrt ins Neubaugebiet Dörnach ist verboten. Dadurch soll verhindert werden, dass die Neubürger vom Schleichverkehr überzogen werden.

Freilich haben die Holzgerlinger Stadtbeamten mittlerweile erkannt, dass ihnen längst nicht alle folgen können bei der Genialität ihres visionären Tuns. "Weil das zurzeit eher für Verwirrung sorgt, sind wir am Überlegen, ob wir die Schilder erst einmal wieder wegmachen lassen sollen", sagt Nicole Jassmann. Ein endgültiger Beschluss in der Sache ist indes noch nicht gefallen. Denn gut Ding will Weile haben. Auch dies im Übrigen ist eine Spruchweisheit, die wir direkt aus dem Schatzkästlein des Holzgerlinger Standards herausgegriffen haben.

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