1918/19: Ein Jahreswechsel voller Sorgen

Das Ende des Ersten Weltkrieges aus der Sicht des Tagebuchchronisten Gottlob Hiller aus Holzgerlingen - Publikation des Kreisarchivs

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    Fein säuberlich hat Gottlob Hiller vor 100 Jahren sein Holzgerlinger Kriegstagebuch 1914-18 geführt

Das Kreisarchiv unter Leitung von Helga Hager hat nach intensiver Forschungsarbeit die Publikation "1914 bis 1918. Der Erste Weltkrieg - Menschen und Schicksale im Landkreis Böblingen" verlegt. Fast alle Orte des Landkreises sind mit Lebens- geschichten vertreten: auch Holzgerlingen.

Artikel vom 31. Dezember 2018 - 12:00

HOLZGERLINGEN (red). Der Bauer und Gemeinderat Gottlob Hiller (1865-1928) ahnt schon am 1. November 1918, dass der bevorstehende Frieden mit einer schweren Hypothek belastet sein wird: "Unsere Feinde stellen sehr starke Forderungen, bis nur Waffenstillstand ist", schreibt der Holzgerlinger an diesem Tag in sein Kriegstagebuch. Und er skizziert in den folgenden Tagen und Monaten eine Stimmung der Trauer, des gesellschaftlichen Umbruchs und des politischen Aufruhrs - sowohl in Holzgerlingen als auch in der Umgebung. Nach dem Waffenstillstand und Kriegsende am 11. November hält er für den 24. November 1918 fest: "Heute ist der Totensonntag: Auch diesmal werden in der Kirche die Namen der 83 Gefallenen und 16 Vermißten verlesen. Alles schmerzliche Erinnerungen." Und am 10. Dezember: "Viele größere Geschäfte entlassen viele Arbeiter." Am 13. Dezember: "Unsere Soldaten kehren vom Felde zurück. Viele Häuser sind bekränzt."

Zu Beginn des Jahres 1919 sieht Gottlob Hiller "Sorgen und Not" auf sich zukommen. Die Bauern könnten "das angeforderte Getreide fast nicht liefern". Er zeichnet ein Klima der Verunsicherung am Beispiel von Diebstählen und Überfällen im Umfeld von Holzgerlingen oder der Ausrufung des Generalstreiks in Stuttgart, der auch in Holzgerlingen Auswirkungen zeigte: Es findet eine Arbeiterversammlung statt. Der Büttel muss öffentlich zur Ruhe gemahnen. Der Bahn- und Postverkehr ist eingestellt. Es wird staatlicherseits der "Belagerungszustand verhängt", womit dem Militär bei dringender Gefahr für die öffentliche Sicherheit die Berechtigung zum Vorgehen gegen Zivilisten erteilt wurde.

"Überall Unordnung, Lug und Trug"

Eine Woche nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 erklingt "wegen den Friedensbedingungen" vom Holzgerlinger Kirchturm ein "Trauergeläute": "Aber was für ein Friede! Unser liebes Vaterland liegt fast hoffnungslos am Boden." Die Hausdurchsuchungen der Reichswehr nach Fleischwaren verursachen "große Aufregung". Die "Zuchtlosigkeit und Unbotmäßigkeit der Jugend" nehme überhand, "Geldgier und Habsucht" seien an der Ta- gesordnung. Mit der "gegenwärtigen Regierung" werde man "immer unzufriedener". Hiller fasst es in einem Satz zusammen: "Überall Unordnung, Lug und Trug."

In den Augen des Holzgerlingers - wie auch breiter Bevölkerungskreise - herrschte der "Ausnahmezustand", eine allseits gebräuchliche Metapher für den drohenden Verlust traditioneller Ordnungen. Vor diesem Hintergrund der Umbrüche und Krisen verliert der Tod des Sohnes Wilhelm seine Sinnhaftigkeit: "6. Juni 1919: Heute sind's 4 Jahre, daß unser lieber Wilhelm gefallen ist! Aber für was? Für das jetzt am Boden liegende liebe Vaterland? Gott weiß es."

 

  Die 620 Seiten starke Publikation ist im Landratsamt Böblingen an der Infotheke sowie auf dem Holzgerlinger Rathaus für 29 Euro zu erhalten - mit Postversand; Bestellung unter der Adresse h.hager@lrabb.de per Mail.
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