"Aus dieser Vielfalt kann man so viel lernen"

Kulturanthropologe Werner Mezger referierte in der Burg Kalteneck über den Heimatbegriff

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    Werner Mezger

Artikel vom 16. September 2018 - 16:06

Von Chiara Sterk

HOLZGERLINGEN. Im Heimatmuseum Holzgerlingen wird zurzeit die Sonderausstellung "75 Jahre Zerstörung - 70 Jahre Vertreibung" gezeigt, in der auch der Geschichte der Heimatvertrieben aus den deutschen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg nachgegangen wird. Begleitend dazu soll es immer wieder Vorträge und Themenabende geben, die überwiegend von Lokalmatadoren bestritten werden.

Den Auftakt allerdings hat jetzt ein Vortrag von Werner Mezger aus Rottweil gemacht. Der Professor lehrt Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität in Freiburg und ist Direktor des Freiburger Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa (IVDE).

Ein überwiegend älteres Publikum hat sich an diesem Donnerstagabend in der Burg Kalteneck versammelt, um Mezgers Ausführungen zu lauschen. Er referiert über den Heimatbegriff, darüber, wie schwer es ist, "Heimat" zu definieren, wie sich die Bedeutung des Begriffs immer aufs Neue wandelt. Und natürlich darüber, wie wichtig es ist, den Begriff gerade in Zeiten von zunehmender Rechtsradikalisierung kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Je mehr man versuche, Heimat zu definieren, desto schwerer werde es, so Mezger. Denn jeder verstehe etwas anderes als Heimat. "Heimat ist also das, was wir uns darunter vorstellen. Und damit gestalten wir den Begriff jeden Tag aufs Neue, indem wir eingrenzen und ausschließen", so Mezger.

Für den einen sei Heimat der Ort der Herkunft und Kindheit, für den anderen der Ort, an dem man aufwuchs, aber nie mehr zurückkehrte. Früher, so erklärte Mezger, verstand man unter Heimat oftmals das Hofgut. Und wer das nicht hatte, weil er mittellos oder auf der Flucht war, der galt als heimatlos. "Wenn man mal achtzig Jahre zurückdenkt, kennt man das hier gut", meint Mezger - und zeigt Bilder vom zerstörten Holzgerlingen und restlichen Deutschland. Dabei immer auch zu sehen sind diejenigen, die flüchten - vor den Bomben und vor dem Hunger. Daher, so sein Appell, solle man die Augen nicht vor dem verschließen, was tagtäglich im Mittelmeer passiere: "Die sind genauso verzweifelt und auf dem Weg nach einer neuen Heimat."

Mit der Globalisierung wird der Heimatsbegriff zunehmend komplexer, meint Mezger. Denn während man einige Dörfer oder Städte weiter noch ein Holzgerlinger bleibt, ist man, sobald man Ausland betritt, nur noch Deutscher. Und durch die Vernetzung der Welt werde der Wunsch nach Heimat, Zuhause und Vertrautem immer lauter. In diesem Zusammenhang erleben auch Bräuche wie die Fasnet immer größeren Zulauf.

Allerdings, so warnte Mezger, sollen diese nicht der Abgrenzung dienen, sondern zum kulturellen Austausch anregen. "Denn aus dieser Vielfalt kann man so viel lernen." Und die Welt heute wäre ärmer, wenn nicht zahlreiche Pizzabäcker, ehemals Gastarbeiter, ihren Lebensort hier Heimat nennen würden. Dennoch sieht Mezger die Landkreise in der Pflicht, mehr zur Erhaltung des Heimatguts zu tun und fordert Vereine, die sich dem annehmen: "Die Bayern machen das schon ganz vorbildlich", meint er.

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