"Stadtbienen haben die Holzgerlinger Gene intus"

Stadt Holzgerlingen geht unter die Bienenzüchter - Drei Hobbyimker sind mit im Boot - Projekt geht an die Schulen

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Die Stadt Holzgerlingen ist neuerdings stolze Besitzerin zweier Bienenvölker, lässt ihren eigenen Honig produzieren und will vor allem auf die enorme Bedeutung der Honig- und Wildbienen für das komplette Ökosystem aufmerksam machen. Deshalb soll es auch naturpädagogische Projekte mit allen Holzgerlinger Schulen geben.

Artikel vom 02. Juli 2018 - 10:30

Von Martin Müller

HOLZGERLINGEN. Direkt am Grabenrain, keine fünf Gehminuten unterhalb des Berkenschulzentrums, stehen sie auf einem städtischen Wiesengrundstück: Die Stöcke der beiden Bienenvölker, die neuerdings ihren klebrig-süßen Honigdienst im Auftrag der Stadt Holzgerlingen verrichten. Offiziell lautet der Name des Anliegersträßchens "Im Bogert"; doch im Holzgerlinger Volksmund ist der beliebte Spaziergang eher als der "Rentnerweg" bekannt: Hier, in beschaulicher Holzgerlinger Halbhöhenlage, lässt sich so manches Mußestündchen verbringen und trefflich manches Loch in die Luft gucken - wohl dem, der Zeit dafür übrig hat.

Doch die neuen, 120 000 Kopf starken Mitarbeiterinnen der Stadt Holzgerlingen haben anderes im Sinn: Sie schwärmen tüchtig aus, fliegen kilometerweit, um Blütennektar zu saugen, Pollen heranzuschaffen und den Honig in ihre guten Bienenstuben einzutragen. Zwei "sehr, sehr gute Völker" hat Holzgerlingens Hobbyimker Peter Sohns bei Tuttlingen für die Stadt erworben. Und Bürgermeister Ioannis Delakos pflichtet ihm lobend bei: "Die Bienen haben die Holzgerlinger Stadtgene schon intus, die sind sehr, sehr fleißig - und bei der Personalkostenquote stimmt es auch", freut er sich über seinen erweiterten Mitarbeiterstamm.

Bienen schwärmen in Holzgerlinger Gärten und Balkone aus

"Wir befinden uns hier am geografischen Mittelpunkt von Holzgerlingen", sagt Peter Sohns, "von hier aus kommen die Bienen spielend überallhin". Er empfiehlt allen Garten- und Stücklesbesitzern ringsum - aber auch den Balkongärtnern im Holzgerlinger Stadtgebiet - auf die handelsüblichen Gönninger oder Tübinger Blumenmischungen zurückzugreifen: "Die mögen die Bienen besonders" - ganz im Unterschied etwa zum hoch gezüchteten Geranien-Allerlei. Und Imkerkollege Gerhard Dongus regt an, vor Ort am Rentnerweg "noch zwei, drei Linden" ins Erdreich zu setzen - "damit die Bienen nicht Hunger leiden müssen während der Trachtpause nach der Frühjahrsblüte".

Hobbyimker Sohns nimmt sich gemeinsam mit seinen Holzgerlinger Imkerfreunden Dongus und Michael Pflugfelder der städtischen Bienenvölker an. Gemeinsam schauen die drei Rentner und Pensionäre nach dem Rechten und tun, was die Imker im Lauf eines Bienenjahres nun eben erledigen müssen. Erst vergangene Woche zum Beispiel hat Peter Sohns die Honigwaben entnommen und den Honig geschleudert. Auf diese Weise konnte er 27 Kilogramm der bernsteinfarbenen Leckerei gewinnen. "Das ist der Ertrag der Frühtracht", sagt er - also des ersten Vierteljahrs. Pro Volk und Jahr dürften im Schnitt sogar gut und gerne 30 bis 40 Kilogramm herausspringen.

Abgefüllt hat Sohns den Honig in 120 Gläser à 250 Gramm. Und dieser Blütenhonig trägt nun seinen Namen als "Stadthonig" auch völlig zurecht, weil vor allem eben die naheliegende Blütenpracht der Holzgerlinger Wiesen und Balkone als Nahrungs- und Energiequelle taugt. Doch in den Handel kommen wird das kostbare Gut nicht. Die Gläschen werden zurückgehalten für besondere Anlässe - beispielsweise als Dankeschönpräsente für Menschen, die sich in der Stadt ehrenamtlich engagieren.

Sowieso ist der Honig nur das höchst willkommene Nebenprodukt des Holzgerlinger Projekts. In erster Linie geht es allen Beteiligten nämlich darum, das Bewusstsein zu schärfen für die hohe Bedeutung der Honigbienen - aber auch für die Gefährdung der Wildbienen und der Insekten überhaupt. Dass das Projekt buchstäblich Schule machen soll, findet Bürgermeister Delakos deshalb besonders wichtig - "erst dadurch wird das zu einem nachhaltigen Projekt", sagt er:

Ein kleines Gegengewicht zum Insektensterben setzen

"Unsere Bienenvölker sind ein Supereinstieg, um bei Kindern, Jugendlichen, aber auch bei der ganzen Bevölkerung Interesse zu wecken und auf die Gefährdung der Wildbienen aufmerksam zu machen. Wir werden damit sicher nicht die Natur und die Umwelt retten - aber wir setzen ein Zeichen", unterstreicht er den pädagogischen, aufklärerischen Ansatz.

Dabei kann die Stadt im hohen Maße vom Fachwissen der drei Holzgerlinger Hobbyimker profitieren. Geradezu ideal ist, dass Michael Pflugfelder früher als Biologielehrer am Schönbuch-Gymnasium unterrichtet hat. Von zwei Biolehrern dort hat er bereits die feste Zusage, dass es Unterrichtsprojekte zu den Stadtbienen geben wird. Die Zusammenarbeit soll auf lange Sicht aber auf alle Schulen ausgedehnt werden. "Wir sind gerade dabei einen Plan zu machen, wie wir das Thema sinnvoll vermitteln", sagt Peter Sohns. Und so dürfte es in Bälde auch schon Schautafeln geben am Rentnerweg bei den Stadtbienenvölkern, auf denen der Lebenszyklus, die Arbeitsteilung oder auch die enorme Bestäubungsleistung eines Bienenvolkes erläutert wird. Es geht schlicht aber auch darum, Ängste zu nehmen, sagt Sohns: "Bienen wollen gar nicht stechen, wenn man nicht gerade vor dem Flugloch steht."

Im Übrigen steht auch der Holzgerlinger Gemeinderat unisono hinter dem Stadtbienenprojekt. Kein Wunder. Gekostet hat es "keine 1000 Euro", sagt Ioannis Delakos. Auch dieses Argument sticht.

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