Nur Sturmtief-Hexe Sabine kommt zu spät in Ehningen an

Ehninger Karnevalverein begrüßt die fünfte Jahreszeit mit einem quicklebendigen, wüst-wilden Faschingsumzug

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    Ohne Wenn und Aber: Ihren Klobürsten-Segen erteilen die Ehninger Hexen ganz nach Herzenslust Fotos: Martin Müller

Wetterhexe Sabine hatte sich zum Glück erst für die Nacht angesagt: Im Sturmtief wollte sie mit 150 km/h über Deutschlands Südwesten hinwegfegen. Glücklicherweise kam sie damit viel zu spät für den großen Hexen- und Teufelssabbat, der in Ehningen schon am Sonntagnachmittag mit Karacho und Rauchgas über die Bühne ging.

Artikel vom 09. Februar 2020 - 18:42

Von Martin Müller

EHNINGEN. Uuuuuhh. Schaurig-schön, gruselig-giftig geht's zu am Sonntagnachmittag in Ehningen. Die große Hexenküche wird angeworfen und so mancher Teufelsbraten darin gesotten: Ein schier endloser Lindwurm windet sich durch den Flecken, 109 Gruppen mit 3400 Hästrägern sind am Start, um die fünfte Jahreszeit vom Stapel zu lassen.

Die Zuschauer - rund 15 000 an der Zahl - säumen die große Umzugsstrecke dicht an dicht: Kein Wunder, das Wetter spielt mit bei lauen 14 Grad. Doch vor den Teufelsbraten, Dämonen, Eulenfetzern und Hexenweibern, die da zweieinhalb Stunden lang vorbeidefilieren, sind die Zaungäste keineswegs sicher. Immer wieder greift sich so manche der übel beleumdeten Fratzen den einen oder die andere herrenlose Zuschauerin, um sie in den Hexenreigen einzubinden.

Von Konfetti-Vollbädern und Klobürsten-Weihwassern

Direkt vor dem Rathaus hat sich der oberste Ehninger Narr, Joe Bühler, seines Zeichens Zunftmeister vom ersten und einzigen Ehninger Karnelvalverein in Schale geworfen: Er kommentiert, was da immer an Ungeheuerlichem vor sich geht, feuert das Publikum an, die Schlachtrufe der Zünfte lauthals mitzuschmettern. Keine Frage: Hier brodelt die Hexenküche am gewaltigsten, hier siedet das Höllenspektakel am Kulminationspunkt. Rätschen machen einen Mordskrach, Rauchbomben vernebeln die Sicht, immer wieder türmen sich die Hexen zu Pyramiden auf. So manche Ehninger Hexe tunkt gar die Klobürste in ihr mitgeführtes Wasser- oder Was-auch-immer-Klosett, um die Besucher wie mit dem Weihwasserpinsel zu besprenkeln. Igittigitt.

Als die Rothexen aus Deckenpfronn auftauchen, gibt's keine Gnade: Zunftmeister Joe wird jetzt höchstselbst ins Konfetti- Vollbad gesteckt. Und gnadenlos, wie sie sind, stopfen und schrubben die Hexen ihm ihre Papierschnipsel auch noch unters Unterhemd und sonstwohin.

Ganz vornedraus marschieren der Büttel Werner Denz und sein Hornist Paul Kern. Dann geht es Schlag auf Schlag: Die Tanzgarde marschiert auf, aus dem Bürgermeisterwagen des Karnevalvereins lugen Claus und Martina Unger und werfen zum Dankeschön für 15 Ehninger Jahre massenhaft Brezeln unters Volk. Die Ehninger Hexen, die Würmdal-Deifel, die Ketterles-Hexen und Dämonen gischten, fauchen, geifern und spucken, was das Zeug hält, die Ehninger Edafetzer fahren gar im Tieflader eines Fuhrunternehmers vor und sorgen mit ihrer Guggenmusi dafür, dass einem Hören und Sagen vollends vergehen.

Dann kommen die Gäuhexa, Rußhexa, Gumpahexa, Kreuzblitzhexa, Berghexa, Stoideifl, Huzler Hexa, Werwölfe, Lombamenscher, Kemmla-Hexa, Schdoibruch-Hexa, Sumpf-Hexa - alle sind sie aus dem Landkreis Böblingen angerauscht, um sich in den wilden Reigen einzureihen. Und dann, noch von viel weiter her, die Zottelböck, die Saubachdeifl und die Neckartalwölfe. Die weiteste Höllenauffahrt haben die Altstadtteufel von Hüfingen hinter sich - sie sind frisch dem Bodensee entstiegen.

Eigentlich also sind sie alle da, die versammelten Satansbraten und Hexenbräute aus nah und fern. Nur die Sturmtiefhexe Sabine - die kommt, Gott sei Dank, definitiv zu spät. Dabei hatten Joe Bühler und sein Team erst am Samstagabend noch eine Krisensitzung anberaumt mit den Recken von der Ehninger Feuerwehr und den Hütern vom Ordnungsamt. Fazit: Das XXL-Festzelt für 1500 Hästräger, das die Karnevalvereinsfreunde drunten bei der Turn- und Festhalle extra mit 10 000 Litern Wasserkanistern sturmfest vertäut und mit extra langen Nägeln im Boden verankert haben, muss um 19 Uhr wieder abgeschlagen werden. Sicher ist sicher. Denn eine Sturmtiefhexe wie die Sabine - die lässt nun wahrlich nicht mit sich spaßen.

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