Protest beim Daimler: Über 10.000 "Denkzettel" aus Sindelfingen

Daimler-Beschäftigte am Mercedes-Benz-Standort Sindelfingen haben am Mittwoch klare Kante gegen den drastischen Sparkurs des Unternehmens gezeigt.

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    "Nie war der Zusammenhalt so wichtig wie heute: Ergun Lümali, Betriebsratsvorsitzender am Mercedes-Benz-Standort Sindelfingen, hat am Mittwoch unter Einhaltung der Corona-Regeln zu Teilen der Sindelfinger Belegschaft gesprochen Foto: MB-Betriebsrat Sindelfingen

Artikel vom 26. November 2020 - 11:48

SINDELFINGEN (red). Unter dem Motto "Solidarität gewinnt! Transformation fair gestalten" haben Betriebsrat und IG Metall am Mittwoch zu einem Aktionstag am Standort Sindelfingen aufgerufen. Die Aktion ist Teil einer Solidaritätskampagne, die diese Woche an allen deutschen Daimler-Standorten läuft.

Die Sonne lacht über Sindelfingen, der Herbst zeigt sich von seiner schönsten Seite. Doch die Stimmung unter den Beschäftigten des Mercedes-Benz-Standorts Sindelfingen erinnert eher an Novemberblues und Herbstmelancholie. "Die Automobilindustrie steckt mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Daimler steht vor dem größten Umbruch seiner Unternehmensgeschichte. Die Herausforderungen nehmen historische Dimensionen an und die Corona-Pandemie wirkt zusätzlich wie ein Katalysator und beschleunigt diesen Wandel", schreibt der Sindelfinger Betriebsrat in einer Pressemitteilung: "Das ist auch bei Daimler deutlich spürbar. Zusätzlich herrscht große Verunsicherung in der Belegschaft, angeheizt durch die aktuellen Entscheidungen des Vorstands, wie Arbeitszeitreduzierung für alle Beschäftigten im indirekten Bereich, Kündigung unbefristeter 40-Stunden-Verträge, geplanter Stellenabbau am Powertrain-Standort Stuttgart-Untertürkheim, Investitionsstopp im Werk Berlin-Marienfelde und die Entscheidung, künftig Hybridmotoren mit dem chinesischen Hersteller Geely in China und Europa zu produzieren."

Ergun Lümali, Betriebsratsvorsitzender am Mercedes-Benz-Standort Sindelfingen und stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender: "Die Zeiten sind rau, die Lage ist ernst. Dessen sind sich alle bewusst. Die Belegschaft nimmt die Herausforderungen an und leistet ihren Beitrag. Was aber überhaupt nicht akzeptabel ist, ist das momentane Vorgehen des Vorstands. Die in letzter Zeit getroffenen Maßnahmen richten sich eindeutig gegen die Belegschaft und schüren Ängste. Wir lassen es nicht zu, dass die Transformation auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Sichere, zukunftsfähige Jobs sind für unsere Kolleginnen und Kollegen das Wichtigste. Diese Sicherheit scheint für sie bedroht, deshalb ist es an der Zeit, gemeinsam deutliche Signale in Richtung Vorstand zu setzen. Mit unserem Aktionstag ist uns das heute gelungen", so Lümali.

Ein weiterer Teil der "Solidarität gewinnt"-Kampagne ist eine Postkartenaktion an allen deutschen Standorten. Hierbei können die Beschäftigten ihre Forderungen und Beschwerden an den Vorstand richten und ihren Protest über die aktuellen Umbau- und Sparpläne zum Ausdruck bringen. Ziel ist es, 170 000 Postkarten - sogenannte "Denkzettel" - Anfang Dezember an den Daimler-Aufsichtsrat und Vorstand zu übergeben. Über 10 000 Postkarten kommen allein aus Sindelfingen.

"Mit unsere Denkzettel-Aktion setzen wir ein klares Zeichen. Wir halten zusammen und lassen uns als Daimler-Belegschaft nicht spalten, sind die Themen an den Standorten und für die Beschäftigtengruppen auch noch so unterschiedlich. Am Standort Sindelfingen sind wir durch unsere Zukunftsbilder 2020+ und 2025+ (Next Level) für die Transformation gut gerüstet", schreibt Katrin Dannenmann, Sprecherin des Betriebsrats.

Bereits 2014 hätten die IG Metall-Betriebsräte daran gearbeitet, den Standort Sindelfingen auszubauen und fit für die Zukunft zu machen. "Das fordern wir vom Vorstand für alle deutschen Standorte: zukunftsweisende Zielbilder, Investitionszusagen in neue Technologien und sichere Beschäftigung. Wir stehen solidarisch zu unseren Kolleginnen und Kollegen im ganzen Unternehmen. Unsere Stärke ist die Solidarität. Wenn wir die vor uns liegenden Herausforderungen rund um die Transformation erfolgreich meistern wollen, geht das nur gemeinsam. Unsere Kraft kommt aus unserer Einheit. 170 000 Beschäftigte in Deutschland geben jeden Tag ihr Bestes und haben eine Zukunft in diesem Unternehmen verdient", so Ergun Lümali.

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