Ritter Sport wäre beinahe einem millionenschweren Internet-Betrug aufgesessen

Nur weil sich Firmenchef Ronken und sein Finanzbuchhalter duzen, fiel die dreist gefälschte E-Mail überhaupt auf. Jetzt wird einem der Täter der Prozess gemacht.

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    Im Fadenkreuz von Internet-Betrügern: Ritter Sport in Waldenbuch konnte einen millionenschweren Betrugsversuch um eine angebliche Firmenübernahme abschmettern - jetzt sitzt ein K0mplize des inzwischen verurteilten Haupttäters in Stuttgart auf der Anklagebank Foto: Martin Müller

Artikel vom 24. September 2020 - 06:00

Von Bernd S. Winckler

WALDENBUCH/STUTTGART. Ein 50-Jähriger sitzt bereits seine Strafe in Höhe von über fünf Jahren ab, die ihm das Stuttgarter Landgericht letztes Jahr verpasste. Jetzt sitzt dessen Komplize, ein 37-jähriger Mann mit letztem Wohnsitz Frankreich, ebenfalls auf der Stuttgarter Anklagebank. Es geht wieder um einen perfiden Betrug, bei dem deutsche Firmen um hohe Geldsummen erleichtert wurden. Getroffen hätte es beinahe auch die Waldenbucher Schokoladenfirma Ritter Sport.

Die 13. Große Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts hatte bereits im Februar letzten Jahres den Komplizen des jetzigen Angeklagten an der Angel - und schickte ihn wegen Bandenbetrugs für fünf Jahre und drei Monate hinter Gitter. Er hatte gestanden, dass man als angeblicher Rechtsanwalt von deutschen Unternehmen beauftragt worden sei, die Finanzierung der Übernahme einer Konkurrenzfirma abzuwickeln - rein vertraulich. Geschädigt wurden bislang mehrere Firmen um gut zehn Millionen Euro.

Das System nennt sich "CEO-Fraud" - dabei handelt es sich um eine Betrugsmasche, bei der Firmen unter Verwendung falscher Identitäten zur Überweisung von Geld manipuliert werden. Als CEO wird in vielen englischsprachigen Ländern der "Chief Executive Officer" bezeichnet - sprich das geschäftsführende Vorstandsmitglied, der Vorstandsvorsitzende oder Generaldirektor. Im Falle von Ritter Sport ist das Andreas Ronken. Und angeblicherweise genau in dessen Namen sollte bei Ritter Sport eine fingierte, millionenschwere Überweisung eingefädelt werden.

Technisch versierte Betrügerbande

Die Strippen wurden dabei von Israel aus gezogen. Die Bande habe sich - so die jetzige Anklage gegen den 37-Jährigen - über das Internet Informationen zur Buchhaltung und Geschäftsleitung der Waldenbucher Firma verschafft und dann mittels einer perfekt gefälschten Mail - angeblich vom Chef Ronken persönlich - dem Finanzbuchhalter vorgegaukelt, dass in Kürze der Kauf einer ausländischen Konkurrenzfirma anstehe und man einen hohen Betrag überweisen müsse. Die Sache sei höchst vertraulich. Allerdings witterte der Ritter Sport-Buchhalter den Betrug, weil er in der Mail als "Sie" angesprochen wurde, er sich aber mit seinem Chef schon seit Jahren duze. Aufgrund dieser kleinen Unstimmigkeit scheiterte der Abschöpfungs-Betrug. Eine Woche später wurde in Tel Aviv der - bereits verurteilte - Haupttäter gefasst, weil das Waldenbucher Unternehmen sich zum Schein auf die Betrüger eingelassen, in Wahrheit aber mit der Polizei kooperiert hatte. Der jetzt vor der 10. Strafkammer angeklagte 37-Jährige wurde nach seiner übereilten Flucht im Sommer letzten Jahres in Frankreich festgenommen.

Wie schon die 13. Stuttgarter Wirtschaftsstrafkammer im ersten Urteil feststellte, ist die Betrügerbande technisch hoch versiert; Man arbeite mit sogenannten "Fake-E-Mail-Adressen", Domains und Voice-over-IP-Telefonaten. Mit VPN-Tunneln versucht die Bande ihre digitalen Aktivitäten zu verschleiern, weiß die Staatsanwaltschaft. Rechnungen werden ausschließlich mit Bitcoin bezahlt. Bei Ritter Sport in Waldenbuch indes griff eine strenge Sicherheitsvorgabe, derzufolge Auslandsüberweisungen nicht so einfach möglich sind.

Dem Angeklagten wird nicht nur der Betrugsversuch bei Ritter Sport vorgeworfen. Er soll auch mitverantwortlich sein für vier weitere derartige Betrugsmaschen, von denen zwei erfolgreich waren. Getroffen hat es vor allem ein EDV-Unternehmen aus München, welches durch den Betrug um zwei Millionen Euro geschädigt wurde. Bei drei weiteren Unternehmen im Rheinland und in Thüringen kam es dank schnellem Erkennen der Fake-Mails zu keinen Zahlungen.

Der jetzige Angeklagte will vorerst vor Gericht nichts sagen. Die 10. Wirtschaftsstrafkammer hat jedoch, wie aus Mitteilungen des Vorsitzenden Richters am gestrigen ersten Verhandlungstag zu entnehmen ist, ein Angebot unterbreitet: Bei Geständnis eine Strafobergrenze im Bereich von fünf Jahren. Der Prozess selbst ist auf acht Tage angesetzt. Das Urteil wollen die Richter am 22. Oktober verkünden.

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