Herrenberg: Emotionales Geständnis von mutmaßlichem Kinderschänder

Ein Herrenberger Unternehmer, der ein Mädchen schwer sexuell missbraucht haben soll, gesteht seine Taten vor Gericht

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    Wegen sexuellem Missbrauch musste sich der Angeklagte vor dem Böblinger Amtsgericht verantworten Foto: Archiv/Bischof

Artikel vom 02. Juni 2020 - 11:23

Von Martin Dudenhöffer

BÖBLINGEN. "Das Leben ist das kostbarste, was es gibt. Durch den Suizidversuch eines Mithäftlings vor wenigen Tagen ist mir das nochmal klargeworden." Mit diesen Worten, umhüllt von Tränen und starkem Schluchzen, eröffnete Vincent L. (alle Namen geändert) die Verhandlung am Böblinger Amtsgericht am vergangenen Freitag. Zur Überraschung aller im Saal gestand der Angeklagte, dass er als 12-Jähriger ebenfalls sexuell missbraucht worden sei.

Auch bezüglich den an ihn gerichteten Vorwürfen äußerte er sich höchst emotional: "Ich habe ihr große Schmerzen zugefügt, das tut mir leid. Das hatte ich nicht gewollt." Der Geschädigten sei er sogar dankbar, nun auszusagen zu können. Die Gelegenheit dazu hatte der 35-Jährige am vergangenen Dienstag, als er unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausführlich zu den Anschuldigungen Stellung bezog. Im März noch wurde der Prozessbeginn wegen der Corona-Gefahr verschoben. Am Freitag nun sorgte er gleich zu Beginn des zweiten Prozesstages für einen spektakulären Auftakt - vor den Augen der heute 18-jährigen Geschädigten und Nebenklägerin Vanessa D.. Auch sie musste am Dienstag ohne Öffentlichkeit dem Gericht unter dem Vorsitz von Richter Ralf Rose von den sexuellen Übergriffen des langjährigen Familienfreundes erzählen.

Laut Anklage wurde D. vom 13. bis zum 16. Lebensjahr vom Angeklagten mindestens acht Mal schwer sexuell missbraucht. So soll es ab 2015 mehrfach zum Beischlaf gekommen sein, weswegen die Anklage auf schweren sexuellen Missbrauch an einem Kind, beziehungsweise einer Jugendlichen heißt. Erst im September 2018 konnte sich die Schülerin öffnen. Dem vorangegangen waren starke Wesensveränderungen, die dem Familien- und Freundeskreis aufgefallen waren. Einige von ihnen sagten am Freitag aus. Bei der Polizei hatte Vanessa D. im Herbst 2018 zusammen mit ihrer Mutter Anzeige erstattet. "Am Anfang fiel es beiden schwer, auszudrücken, was genau passiert ist. Beide schienen völlig überfordert", erinnert sich eine Böblinger Kriminalpolizistin vor Gericht. Während D. anfangs sehr ängstlich gewesen sein soll, schien sie am Ende fast "froh gewesen zu sein, es hinter sich gebracht zu haben", schildert sie ihren Eindruck. Sie beobachte allerdings auch eine "stark mitgenommene, junge Frau".

Im Laufe der Anhörungen kamen einige Details ans Licht. Etwa, dass die Geschädigte regelmäßig in den Geschäftsräumen von Vincent L. geputzt habe und unter anderem bei diesen Gelegenheiten zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden sei. Für die Reinigungsdienste erhielt sie schon mal 200 bis 300 Euro oder ein iPhone. Diese "Belohnungen" musste sie dann abarbeiten - durch Putzen, wie der Angeklagte vor Gericht nun behauptet.

Bei den Vernehmungen trat auch zutage, dass der 35-Jährige das Mädchen wiederholt recht penetrant aufforderte, zum Putzen zu kommen. Vanessa D. hingegen wollte nach einer Zeit nicht mehr und suchte stattdessen nach Ausreden. So kam es vor, dass D.s Freundin Lara T. in ihrem Namen telefonisch absagte. Da galt der "protzige" Angeklagte in den Augen des Mädchens und ihrer Freundin T. bereits als "ekelig" und anzüglich.

Angeklagter setzt Mutter der Geschädigten unter Druck

Besonders tragisch - das ergab die Aussage der Mutter der Geschädigten - war die Tatsache, dass L., verärgert über Vanessas Absagen, deren Mutter anrief und diese arglos ihre Tochter für ihre Unzuverlässigkeit tadelte. Sichtlich berührt machte sich die Mutter Vorwürfe. Sie habe ihre Tochter sogar noch zu L. schicken wollen und fügte gleich hinzu: "Ich dachte, sie sei dort in guten Händen". Auch von den Codeworten in den Chats zwischen den Beiden wusste die Mutter nichts. Wenn L. die junge Schülerin um das Gassigehen mit seiner Hündin bat, verbarg sich oft ein anderer Gedanke dahinter.

Es mussten mehr als drei Jahre vergehen, bis das Kartenhaus in sich zusammenbrach. Bei einem Streit mit ihrem damaligen Freund sei es aus ihr herausgebrochen. Kurz danach erfuhr ihr Umfeld von den Taten. Unzählige Ohnmachtsanfälle, Panikattacken, Albträume und Verhaltensauffälligkeiten begleiteten D. in den vergangenen Jahren. Ebenso dutzende Krankenhaus-Aufenthalte. Letztlich, so die Mutter, sei die Verzweiflung der Tochter so groß gewesen, dass sie sich in eine Psychiatrie begab. Bis zum heutigen Tag leidet die jetzt 18-Jährige an einer depressiven Verstimmung, einer posttraumatischen Belastungsstörung und körperlicher Beschwerden.

Der Prozess soll am 19. Juni unter anderem mit der Stellungnahme einer psychologischen Sachverständigen fortgesetzt werden.

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