Urteil wohl schon im Juni

Überraschung im Herrenberger EN-Storage-Prozess - Fast tausendfacher schwerer Betrug

Artikel vom 25. Mai 2020 - 18:00

Von Bernd Winckler

STUTTGART/HERRENBERG. Wegen fast tausendfachen schweren Betrugs mit einem Schaden im Bereich um die 100 Millionen Euro sitzt ein 44-jähriger mutmaßlicher Mittäter im sogenannten Herrenberger EN-Storage-Prozess auf der Anklage. Am gestrigen zweiten Verhandlungstag stellte sich heraus, dass dieses anfangs als Mammutprozess terminierte Verfahren wahrscheinlich nächste Woche schon endet.

Der Grund dazu eröffnete sich gestern vor der 16. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts: Der aus Bad Liebenzell stammende Angeklagte ließ nach der Verlesung der dicken Anklageschrift durch seinen Verteidiger eine "Erklärung" vortragen, in der er alle ihm vorgeworfene Betrugstaten als Mittäter beim EN-Storage-Großbetrug voll umfänglich und ohne Einschränkung einräumte. Damit gibt der Angeklagte den prozessualen Weg einer sogenannten gerichtlichen Verständigung frei, in der die Wirtschaftsstrafkammer keine oder nur noch ganz wenige Beweiserhebungen verhandeln muss. Auch auf einen Großteil der bereits geladenen Zeugen können die Richter verzichten.

44-jähriger Angeklagter sagt, er sei selber finanziell am Ende gewesen

Das soll allerdings nicht für den einstigen Hauptbeschuldigten und Geschäftsführer des Herrenberger Speicheranlagen-Unternehmens, Edvin Novalic, gelten, den das Stuttgarter Landgericht schon Ende 2018 wegen Großbetrugs und Urkundenfälschung zu knapp acht Jahren Haft verurteilte. Ihn wollen die Richter noch zu einigen Einzelheiten über die Rolle seiner mutmaßlichen Helfershelfer, zu denen auch der jetzige 44-jährige Angeklagte zählt, befragen. Ob auch weitere ehemalige Mitarbeiter in den Zeugenstand müssen ist unklar.

Der 44-Jährige sagt vor Gericht, er habe die illegalen Geldtransfer-Geschäfte nur deshalb mitgemacht, weil er selbst finanziell am Ende war. Er bedaure, dass die vielen Anlagen-Anleger durch die betrügerischen Machenschaften große Geldsummen verlogen hatten.

Am gestrigen Verhandlungstag ordnete der Gerichtsvorsitzende an, dass die Prozessbeteiligten - Staatsanwalt, Verteidiger und Gutachter - die Ermittlungsakten außerhalb der Hauptverhandlung lesen müssen (Selbstleseverfahren).

Danach ist der Weg frei für ein Urteil, welches durch das Geständnis des 44-Jährigen wohl milde ausfallen wird. Möglicherweise ist die Verkündung noch im Juni. Vorgesehen waren zunächst Verhandlungstermine bis Ende Oktober.

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