Betreten verboten: Die Böblinger Pirschgänge sind saniert

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    Ein exklusiver Einblick in die sanierten Jagdanlagen aus dem 8. Jahrhundert. Die Pirschgänge sind nicht für die Öffentlichkeit zugängig, da sie auf US-Militärgelände liegen Foto: red

Ende Oktober 2019 hatten die Arbeiten zur Sanierung und Sicherung der herzoglich-württembergischen Pirschgänge im Böblinger Stadtwald begonnen. Nun wurden sie fertiggestellt. Die geplante Präsentation zur Eröffnung muss angesichts der momentanen Lage ausfallen.

Artikel vom 20. Mai 2020 - 17:24

BÖBLINGEN (red). Die Pirschgänge sind ein einzigartiges Dokument feudaler Jagdkultur. Außer der Anlage in Böblingen ist nur noch in den neuen Bundesländern ein ähnliches Bauwerk erhalten.

Herzog Carl Alexander ließ im 18. Jahrhundert unterirdische Pirschgänge anlegen, um unabhängig von der Witterung und ohne großen körperlichen Aufwand seiner Jagdleidenschaft nachgehen zu können. Die Gewölbe sind mit cirka zwei Metern Höhe, einer Meter Breite und Lichtöffnungen im Abstand von 2 Metern als "Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung" in das Denkmalbuch eingetragen. Nachdem die Anlage zusehends verfallen war, werden die Pirschgänge mit dieser Sanierung für die kommenden Generationen erhalten.

Die Gesamtlänge der Pirschgänge umfasste einst rund 635 Meter. Davon sind heute noch 130 Meter vollständig oder in Teilen vorhanden. Die Pirschgänge verlaufen fast vollständig unterirdisch, lediglich die oberen circa 50 Zentimeter ragen aus dem Gelände heraus und treten als erdüberdeckte, grasbewachsene Kuppeln in Erscheinung.

Im Zuge der Sanierung wurden Wand- und Gewölbeflächen gereinigt und, sofern erforderlich, neu verfugt. In Abschnitten, in denen nur noch die seitlichen Wände vorhanden waren, wurden diese saniert und das Gewölbemauerwerk wieder hergestellt. Durch die Sanierung sind die Pirschgänge jetzt wieder über die gesamte Länge begehbar. In großen Abschnitten wurde durch die Arbeiten der historische Sandstein-Plattenverlag freigelegt.

"Ich freue mich sehr darüber, dass es gemeinsam mit allen Beteiligten gelungen ist, ein solch bedeutendes Kulturdenkmal für die Nachwelt zu sichern", erklärt Landrat Roland Bernhard in einer Pressemitteilung. "Die Sanierung war wichtig, um die noch vorhandenen Teile zu sichern." Das unterstreicht auch der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz. "Uns allen war es ein großes Anliegen, die Pirschgänge zu sanieren. Es war wichtig und richtig, dranzubleiben und den eingeschlagenen Weg bis zum erfolgreichen Ende gemeinsam zu gehen." Landrat und Oberbürgermeister bedauern, dass die Pirschgänge momentan nur via Fotos gezeigt werden können.

"Da sich die Pirschgänge auf dem Grundstück der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben befinden, ist der Bund Eigentümer des Denkmals. Der Landkreis und die Stadt Böblingen sowie der NABU wollten die Sanierung dieses besonderen Zeitzeugnisses dennoch unterstützen. Ebenso engagierten sich der Schwäbische Heimatbund und der Schwäbische Albverein dafür. Die Stadt Böblingen hatte sich bereit erklärt, den Unterhalt zu übernehmen.

163 000 Euro wurden verbaut

Die Sanierungsarbeiten wurden innerhalb eines halben Jahres, unter teilweise widrigen Verhältnissen als Winterbaustelle umgesetzt. Insgesamt kostete die Sanierung 163 000 Euro. Davon übernahm der Bund 60 000 Euro, das Landesamt für Denkmalpflege 40 000 Euro, die Denkmalstiftung Baden-Württemberg 30 000 Euro. Landkreis und Stadt beteiligen sich mit jeweils 16 500 Euro.

"Wir haben uns", so Peter Rothemund, Geschäftsführer der Denkmalstiftung Baden-Württemberg, "finanziell engagiert, weil die Böblinger Pirschgänge ein unrentierliches, aber unverzichtbares Dokument der württembergischen Jagdgeschichte sind." Das Landesamt für Denkmalpflege hatte über Jahrzehnte hinweg immer wieder alle Beteiligten an die Bedeutung des Denkmals und die Pflicht zur Erhaltung erinnert. "Letztendlich war es das glückliche Zusammentreffen engagierter Verantwortungsträger, das den Durchbruch brachte", so Ulrike Plate vom Landesamt für Denkmalpflege. Sie hofft nun, dass das Denkmal ab und an für die Öffentlichkeit erlebbar wird. Denn wo im 18. Jahrhundert höfisches Jagdgeschehen herrschte, ist heute der Standortübungsplatz der US-Armee. Aus diesem Grund ist kein freier Zugang zu den Pirschgängen möglich.

"Die US-Army ist gerne bereit, die Stadt Böblingen bei der Planung verschiedener Führungen durch die Jagdtunnel das ganze Jahr über zu unterstützen. Wir arbeiten derzeit an einer Vereinbarung, die es der Stadt ermöglichen wird, viermal im Jahr Führungen für 30 bis 40 Personen durchzuführen", erklärt Larry Reilly, Öffentlichkeitsarbeiter der US-Army.

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