Tragende Rolle bei illegalem Geld-Transfer

Ein 44-Jähriger sitzt im 100-Millionen-Euro-Betrugs-Prozess der Herrenberger Firma EN-Storage als Mittäter auf der Anklagebank

Artikel vom 17. Mai 2020 - 18:24

Von Bernd Winckler

STUTTGART/HERRENBERG. Der 100-Millionen-Betrugs-Prozess des Herrenberger Anlagenunternehmens EN-Storage ging am Freitag bei der Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts in eine neue Runde. Auf der Anklagebank sitzt jetzt ein 44-jähriger ehemaliger Autoverkäufer aus Bad Liebenzell mit türkischen Wurzeln. Der Vorwurf lautet: Mittäterschaft im riesigen Betrugs-Karussell des einstigen Herrenberger Unternehmens in insgesamt 3289 Fällen.

Im Februar vergangenen Jahres hatte das Landgericht das vorläufig letzte Urteil um die betrügerischen 100-Millionen-Euro-Machenschaften des Herrenberger Anlagenunternehmens EN-Storage gesprochen: Zwei Jahre Haft auf Bewährung für die Ehefrau des inzwischen im Gefängnis verstorbenen Mit-Geschäftsführers Lutz Beier. Der Hauptgeschäftsführer Edvin Novalic, der sein Unternehmen nach seinen Namens-Initialen getauft hatte, verbüßt derzeit eine Haftstrafe von sieben Jahren und zehn Monaten. Er war vor Gericht geständig. Damals schon hatten die Richter im Urteil festgestellt, dass es sich bei den Taten um ein "ausgeklügeltes System von Betrug und Täuschung mit einer Dreistigkeit handelte, die einem die Luft abschnürt".

Doch das war nicht das Ende dieses Großverfahrens. Mit einer Betrugsmasche mit fingierter Speichermedien soll der jetzt angeklagte 44-Jährige mit mehreren eigenen Briefkastenfirmen zusammen mit Novalic eine tragende Rolle bei den Geldtransfers und dem Finanz-Karussell gespielt haben. Die 16. Große Wirtschaftsstrafkammer am Stuttgarter Landgericht hat zur Aufklärung der Vorwürfe, die dem Mann gemacht werden, erst einmal 29 Verhandlungstage angesetzt und will gemäß diesem Terminplan nach Anhörung von zahlreichen Zeugen, Sachverständigen und Wirtschaftsprüfern nicht vor dem 29. Oktober ein Urteil fällen.

Ob das Verfahren jedoch tatsächlich so lange dauern wird, ist bereits nach dem ersten Verhandlungstag in Zweifel zu ziehen. Denn die beiden Verteidiger hatten bereits vor einer Woche die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsverbrechen dahingehend informiert, dass man zu einem Verständigungsgespräch mit der Anklagevertretung und dem Gericht mit dem Ziel bereit sei, bei einem umfassenden Geständnis des Angeklagten zu einem weitaus schnelleren Urteil - mit Geständnis-Strafrabatt - zu kommen. Daraufhin gab der Vorsitzende Richter der Strafkammer am ersten Prozesstag bekannt, dass sich die Staatsanwaltschaft in diesem Fall eine Freiheitsstrafe im Bereich von viereinhalb bis fünfeinhalb Jahren vorstelle. Bei einem derartigen Großbetrug mit Schäden im rund 100-Millionen-Bereich sieht das Gesetz die Strafobergrenze im zweistelligen Bereich vor, zumal im vorliegenden Fall die Anklage nicht nur auf Betrug, sondern auf Betrug in besonders schweren Fällen lautet.

3289 einzelne Taten

Dem Angeklagten wirft der Staatsanwalt in vier einzelnen Komplexen insgesamt 3289 Einzelbetrugstaten "großen Ausmaßes" sowie 961 Fälle der Untreue vor. Er soll im Zeitraum zwischen 2013 und Februar 2017 bei dem von EN-Geschäftsführer Novalic praktizierten Anlagen-Schneeballsystem mitgewirkt haben mit dem Ziel, Investoren absichtlich übers Ohr zu hauen. Dabei habe er gezielt zahlreiche Einzelbeträge, angefangen von 20 000 bis 50 000 Euro bis hin zu Beträgen von mehreren hunderttausend Euro über das Scheinfirmen-Geflecht an die beiden Geschäftsführer überwiesen. Gelder der privaten Investoren, die ihrerseits an zugesagte Zinserlöse von bis zu zehn Prozent und mehr glaubten. Der Angeklagte habe auch gewusst, dass es die Hardware-Speichertechnik gar nicht gab. Nur einige wenige wurden zur jeweiligen Besichtigung angeschafft, diese waren jedoch sehr veraltet. Der Prozess geht am 25. Mai in die Beweisaufnahme.

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