Kommentar: Vom Klatschen zum Ausgrenzen

Kommentar von KRZ-Autorin Melissa Schaich zur Ausgrenzung von Corona-Pflegern im privaten Umfeld

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    Sylvia B. (Name geändert) und Kollegen haben mit Ausgrenzung zu kämpfen. Foto: Eibner/Biniasch

Eine Krankenschwester im Klinikum Böblingen arbeitet auf der Corona-Station - nicht nur sie kämpft mit Ausgrenzung. ► Hier geht es zur ausführlichen Geschichte.

Artikel vom 12. Mai 2020 - 18:00

Von Melissa Schaich

Noch niemand hat in seiner Lebenszeit eine solche Pandemie erlebt, wie sie momentan über den Globus fegt. Da ist es kein Wunder, dass die Verunsicherung groß ist. Was ist richtig? Und was ist falsch? Wir befinden uns momentan im Prozess des Lernens, wie wir mit einer Pandemie leben können. Neue Verhaltensregeln, Wissenslücken und große Fragezeichen stehen da an der Tagesordnung. Doch egal wie groß die Unwissenheit und Ungewissheit auch sein mag, innerhalb dieses Prozesses müssen Ungerechtigkeiten benannt und behoben werden. So kann es nicht sein, dass eine Krankenschwester, die in den letzten Wochen bis zur Erschöpfung gearbeitet hat, keinen neuen Haarschnitt bekommt, weil die Leute besorgt sind, dass sie eventuell Corona hat. "Der Weg vom Klatschen zum Ausgrenzen war kurz", bringt es die Hygienefachkraft Kirsten Kurth auf den Punkt. Ein schmaler Grat besteht offenbar zwischen Anerkennung und Ausgrenzung.

Doch wie kann Stigmatisierung und die Kategorisierung als "potenziell infiziert" umgangen werden? Durch offene Dialoge und ehrlich gemeinte Fragen. Angst und Panik müssen Genauigkeit, Differenziertheit und Offenheit entgegengesetzt werden. Anstatt Krankenschwestern als mögliche Krankheitsüberträger zu sehen, könnten sie auch als Vermittlerinnen und Wissensressourcen innerhalb eines gesellschaftlichen Lernprozesses gesehen werden. Niemand weiß schließlich besser, wie mit dem Coronavirus umgegangen werden muss als eine Krankenschwester auf der Corona-Station.

 

 

 

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