Eine gespenstische Idylle?

"Kunst@Home": Der Galerieverein Böblingen stellt "Puppenparadies" von Alice Haarburger vor

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    Die drei Püppchen sehen zunächst harmlos aus, werfen aber viele Fragen auf Foto: red

Artikel vom 08. Mai 2020 - 18:54

Von Rotraut Heyder

Auf einer braunen Tischplatte versammeln sich drei Figürchen, eine Gießkanne, pralle Kürbisse, vielerlei Kakteen in Tontöpfen, ein vorhangartiger, blauer Hintergrund. Ein Püppchen mit Kaktus auf einer Etagere bildet die Spitze einer Dreieckskomposition. Außer dem Motiv der Kakteen, einer Modepflanze der Zeit, oft zu finden in den Bildern der Neuen Sachlichkeit, gibt es keine Hinweise auf die künstlerische Moderne. Im Gegensatz zum kühlen Realismus dieser zeitgenössischen Kunstrichtung dominieren bei Alice Haarburger warme, sonnige Farben, gelb, orange, rot, aufgetragen in einem weichen fast "plüschigen" Malstil. Ein eher konventionelles Stillleben, harmlos - auf den ersten Blick!

Allerdings - bei den kleinen Figürchen kippt das Sonnige und Harmlose ins Doppeldeutige. Wen haben wir denn da? Ein Mädelchen mit listigen Augen, das kurz davor ist, den Kaktus herunterzustoßen, eine Art Zwetschgenmännchen mit Brille und Palette und ein "Negerchen" mit buntem Bastrock, das abenteuerlich auf einem Kürbis schaukelt und jederzeit herunterfallen könnte. Die Figuren scheinen für den Augenblick des Malens zu posieren, um gleich danach wieder ihren Schabernack treiben zu können. Ein heimlich-unheimliches Leben spielt sich hier ab.

Wir dürfen den Zufall bei Bildern nie ausschließen und sollten nicht immer Tiefsinn vermuten. Aber da sich zwei der Figürchen direkt auf die Malerin beziehen, das Mädchen und der Kunstmaler (malende Frauen hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch hart um Anerkennung zu kämpfen), ist es nicht abwegig, an eine versteckte Selbstdarstellung zu denken.

Alice Haarburger wurde 1891 in Reutlingen als Tochter eines reichen jüdischen Fabrikanten geboren. Die Familie zog 1903 nach Stuttgart, um den drei Kindern eine gute Schulausbildung zu ermöglichen. Ab 1910 besuchte Alice Haarburger eine private Malschule für Damen, 1917 begann sie aber das Studium an der Stuttgarter Kunstakademie bei Arno Waldschmidt.

Malerin wird 1941 umgebracht

Alice Haarburger hat sich als Deutsche begriffen, sie hatte sich lange Zeit sicher gefühlt in Deutschland, nicht zuletzt durch ihr Verdienstkreuz im Ersten Weltkrieg und durch ihre zwei hochdekorierten Brüder. Doch dem entgegen stand ihre Andersartigkeit und Minderwertigkeit als Jüdin - vielleicht könnte das "Negerchen" (das Wort sei zeitbedingt erlaubt) ein Synonym dafür sein? Wir befinden uns mit dem Bild im Jahr 1932, die dunklen Wolken sind längst heraufgezogen. Sie hat sich nun ins Häusliche zurückgezogen, sie malt Interieurs und Fensterausblicke auf die Stadt Stuttgart. Das Spielzeug-Stillleben jedoch ist jetzt zu ihrem ureigenen Thema geworden.

Seit 1920 gehörte Alice Haarburger dem Stuttgarter Malerinnenverein an, von dem sie 1934 ausgeschlossen wurde - nur die erste von vielen Demütigungen. 1938 wird die Familie enteignet, 1941 Alice Haarburger mit der ersten Stuttgarter Deportation vom Sammellager auf dem Killesberg nach Riga verbracht und bei einer Massenerschießung umgebracht.

Den Bildbetrachtern bleibt es überlassen, sich auf die dargestellte Trias selbst einen Reim zu machen. Die Figuren jedenfalls verpflichten uns, eine mögliche Selbstreflexion der Malerin in Betracht zu ziehen, und in der scheinbaren Heiterkeit des Bildes einen gewissen Hohn zu vermuten. Eine gespenstische Idylle, denkt man an ihr grausames Schicksal.