Corona-Krise schürt Konflikte in der Familie

SPD-Kommunalpolitiker aus Sindelfingen unterstützen die Beratungsstellen gegen sexuelle und bei häuslicher Gewalt

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    Die SPD-Stadträte Axel Finkelnburg und Christine Rebsam-Bender (rechts) übergeben Monika Be-cker, der Leiterin der Beratungsstelle Thamar, den Spendenscheck Foto: red
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Artikel vom 05. Mai 2020 - 17:24

SINDELFINGEN/BÖBLINGEN (red). Die SPD-Fraktion im Sindelfinger Gemeinderat und die Ortschaftsrätinnen in Darmsheim und Maichingen unterstützen die Organisation "Frauen helfen Frauen Kreis Böblingen" mit einer Spende in Höhe von 720 Euro. Der Verein ist Träger von Thamar, einer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, und einer Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt.

Die aktuelle Krise mit existenzieller Not und Ausgangsbeschränkungen fördere Streit und Aggressionen. Die Stadt- und Ortschaftsräte der Sindelfinger SPD möchten sich mit ihrer Spende beim Verein "Frauen helfen Frauen" für dessen "außerordentliche Arbeit bei der Bewältigung der zusätzlichen Krisensituationen und darüber hinaus für die unermüdliche Arbeit" bedanken.

"Frauen helfen Frauen" wurde vor 40 Jahren gegründet mit dem Ziel, Angebote und Hilfen zu entwickeln für Frauen, Mädchen und Jungen, die von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt betroffen sind. "Die derzeitige Isolation ist fatal", sagt Monika Becker, die Leiterin der beiden Beratungsstellen. Der Verein betreibt eine Hotline, an die sich von häuslichen Angriffen und sexualisierter Gewalt betroffene Frauen, Mädchen und Jungen wenden können. Die derzeitige Lage aufgrund der Ausgangsbeschränkungen sei vergleichbar mit der Situation an Feiertagen wie Weihnachten. "Wenn Menschen eng beisammen sind, steigt der Stress. Das kann selbst bei denjenigen, die nicht zu Gewaltausbrüchen neigen, zu Aggressionen führen", sagt Monika Becker. "Dazu kommt: Sexueller Missbrauch in der Familie wird ja während Corona nicht seltener. Vor allem aber können die Betroffenen auf ihr Unterstützungsnetz außerhalb der Familie nicht zugreifen." Der Leiterin ist besonders wichtig, dass die Betroffenen wissen: "Wir haben nicht geschlossen! Sie können sich telefonisch oder auch über die Online-Beratung von Thamar jederzeit an uns wenden. Dringende Fälle werden immer auch persönlich Hilfe bei uns finden."

Wie gefährlich es in so einer Krise für Frauen, Mädchen und Jungen werden kann, zeigt das Ausland. In China ist die Zahl der Beschwerden von Opfern häuslicher Gewalt während der Corona-Krise um das Dreifache gestiegen. Auch in Spanien gab es zuletzt deutlich mehr Femizide, wurden mehr Frauen und Mädchen getötet. Für Deutschland gibt es bisher nur wenige Zahlen. In den vergangenen zwei Wochen seien die Zahlen der Anrufe allein wegen häuslicher Gewalt um 17,5 Prozent gestiegen, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) gegenüber der Deutschen Presseagentur. "Wir rechnen hier im Landkreis ebenfalls mit einem Anstieg an häuslicher Gewalt", sagt Nadine Walch-Krüger von der Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt.

Thamar bereiten vor allem die Kinder und Jugendlichen Sorge. So erfolgen viele Kontaktaufnahmen zur Beratungsstelle in Fällen sexualisierter Gewalt über Fachkräfte. Durch die Kontaktsperren, die geschlossenen Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit haben die jungen Menschen keinen oder nur erschwerten Zugang zu Bezugspersonen außerhalb der Familie. Zumal es bei sexuellem Missbrauch generell schwierig ist, sich jemanden anzuvertrauen.

Der Landkreis Böblingen fördert beide Beratungsstellen von Beginn an im Rahmen der Freiwilligkeitsleistungen. Aktuell wurde vom Land ein Sofortprogramm für die erforderliche Digitalisierung der Hilfeangebote aufgelegt. Doch auch der Bund ist gefragt. Einen ersten Schritt zur Verbesserung der prekären Situation hat die Bundesregierung unternommen. So sollen die Hilfseinrichtungen für Frauen vom milliardenschweren Rettungsschirm profitieren. Dass auch wirklich alle etwas vom Rettungspaket abbekommen, hält Monika Becker für unabdingbar. Doch nicht nur finanzielle Hilfe sei notwendig. Der Verein betont, dass die Mitarbeiterinnen der Hilfsangebote dringend Unterstützung benötigen, damit sie Schutzangebote aufrechterhalten können. Als systemrelevanter Bereich steht ihnen auch die Kindernotbetreuung zur Verfügung

Auch jeder Einzelne kann etwas tun, um die Gefahren für Frauen, Mädchen und Jungen zu minimieren. "Häusliche und sexualisierte Gewalt ist keine Privatsache", betont Monika Becker. Weghören und Wegschauen sei kein Lösung. Sie empfiehlt, hellhörig zu sein, wenn in der Nachbarschaft Anzeichen von häuslicher Gewalt beobachtet werden. "Manchmal hilft es schon, den Konflikt zu unterbrechen und beim Nachbarn zu fragen: ,Mir ist das Klopapier ausgegangen. Haben Sie noch welches?", sagt Monika Becker.

Die Notrufnummer von "Frauen helfen Frauen" kann man jede Nacht sowie an Wochenenden und Feiertagen rund um die Uhr unter (0 70 31) 22 20 66 erreichen.
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