Liebeserklärung an Süditalien

Buch-Tipp

  • img

Artikel vom 04. Mai 2020 - 17:18

Von Roland Häcker

Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an Sizilien und die Geschichte einer Emanzipation. Hanns-Josef Ortheil ist als Einzelkind aufgewachsen, nachdem seine vier Brüder früh zu Tode gekommen sind. Im "Kind, das nicht fragte" begegnen wir einem Ich-Erzähler mit vier älteren Brüdern. Benjamin hat als Kind unter den Geschwistern sehr gelitten. Sie haben "den Kleinen" nicht ernstgenommen, ihn ständig geärgert, unterdrückt, gequält und so zum Schweigen gebracht. So wurde er zu einem traumatisierten Kind, das es nicht mehr wagte, Fragen zu stellen. Doch das ändert sich im Verlauf eines sizilianischen Sommers.

Benjamin ist Ethnologe, Völkerkundler, und verfolgt den Plan, die (fiktive) Insel Mandlica, die zu Sizilien gehört, nach allen Regeln der Wissenschaft zu erforschen. Er hat es inzwischen gelernt, Fragen zu stellen, er macht Interviews mit wichtigen Einwohnern Mandlicas, besucht die Lokalitäten des Ortes, streift durch die wunderbare süditalienische Landschaft. Einquartiert hat er sich in einer kleinen Pension, die von zwei Schwestern betrieben wird. Sie stammen aus Bayern und sind mehr oder weniger zufällig auf der Insel hängen geblieben. Vor allem die ältere Schwester, die zunächst spröde wirkende Paula, hat es Benjamin angetan. Ihrem einfühlsamen und beharrlichen Nachfragen verdankt er die Befreiung aus den Ängsten der Kindheit.

Der Roman huldigt nicht nur dem südlichen Italien, das hier fast zu schön wegkommt, er erzählt auch eine reizende Liebesgeschichte, der es an Krisen überhaupt nicht mangelt, denn Benjamin ist nicht immun gegenüber Verlockungen anderer attraktiver Sizilianerinnen. Ein Buch, das sich sehr eignet, trübsinnige Leser aufzuheitern.

Hanns-Josef Ortheil: "Das Kind, das nicht fragte". Verlag btb, 2014.
Verwandte Artikel