Wenn der Mensch abtritt

Kommentar

Artikel vom 17. April 2020 - 10:00

Von Anja Wickertsheim

Gerade in Corona-Zeiten stellt sich mir die Frage, ob unsere eigene Hilflosigkeit, ob unsere Ängste und Sorgen um Wohlstand und die eigene Existenz nicht auch unsere Empathie steigern sollten. Unser Mitempfinden mit anderen, mit Menschen denen es schlechter als uns geht, und deren kleinstes Problem eine Packung Klopapier ist. Und mit Lebewesen, deren Raum immer enger wird, weil sich der Mensch rücksichtslos ausbreitet in einer Natur, die letztlich nicht uns braucht, sondern wir sie.

Könnte diese weltweite Krise nicht ein Weckruf sein? Ein Warnsignal, sich selbst nicht als Maß aller Dinge zu sehen? Etwas bescheidener zu werden, etwas leiser aufzutreten?

Legen die jetzt blauen, größtenteils stickoxidfreien Himmel über den Großstädten dieser Welt und die klaren Meere vor den Küsten nicht Zeugnis darüber ab, dass der Mensch und eine explodierende Weltbevölkerung das eigentliche Problem sind? Wird der globale Norden den durch ein Virus erzwungenen Rückzug als Chance nutzen, Dinge anders zu machen? Im besten Fall, wird diese Zeit unseren Blick schärfen und unser Mitgefühl stärken, weil wir nun wissen, wie sich Hilflosigkeit anfühlt. Denn diesmal ist es der Mensch, der die Enge in den eigenen vier Wänden kaum erträgt, obwohl er Fleisch von zusammengepferchten Tieren vertilgt. Von Tieren, die aufgrund von Platzmangel in Kannibalismus verfallen. Sich Schwänze, Kämme oder Ohren abbeißen. Die das Eingesperrtsein nicht nur für einige Monate aushalten müssen, sondern ihr kurzes, trauriges Leben lang. Vielleicht - aber nur vielleicht - bedeutet diese kurzzeitige Auszeit für die Spezies Mensch eine nachhaltige Chance für Fauna und Flora. Schön wär's!

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