Wandelhalle zieht von Böblingen nach Berlin

Großer Umzug: Die Böblinger Wandelhalle wechselt den Ort und wird in Zukunft auf der Berliner Museumsinsel stehen - OB Belz erläutert, warum die Bürger an der Vereinbarung nicht beteiligt waren

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    Schmuckstück am Oberen See: Seit der Landesgartenschau 1996 steht die Wandelhalle in Böblingen, jetzt zieht sie nach Berlin Foto: Eibner/Drofitsch

Das Böblinger Seeufer verändert sich. Ab 15. April wird die Wandelhalle abgebaut und soll Ende des Jahres Teil der Berliner Museumsinsel werden. Was gestern per Video-Pressekonferenz in Böblingen verkündet worden ist, kommt einer Sensation gleich und ist das Ergebnis langer Geheimverhandlungen.

Artikel vom 01. April 2020 - 09:03

Von Michael Stürm

BÖBLINGEN. Wenn Pressekonferenzen ohne großen Vorlauf angesetzt werden, dann kündigt sich Außerordentliches an: Entweder ist Gefahr in Verzug oder es werden große Neuigkeiten öffentlich - Maßnahmen, die unter dem Mantel größter Verschwiegenheit in den Hinterzimmern der Politik verhandelt worden sind.

Diese Woche war es wieder einmal so weit. Als am Montag eine Einladung zur Videokonferenz mit Landrat Roland Bernhard, Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz und Vertretern des Berliner Senats in die Redaktion flatterte, war klar: Außergewöhnliches steht bevor. Ein Anruf in der Landkreis-Pressestelle bekräftigte dies. "Kein Kommentar, lassen Sie sich überraschen", war der einzige Satz, der Pressesprecher Benjamin Lutsch abzuringen war.

Was den Medienvertretern dann präsentiert wurde, hätten diese wohl ihren kühnsten Fantasien nicht abverlangt: Die Wandelhalle, Monument des neuen Böblingen, auf Säulen gebautes Objekt, an dem die Bürger ein Vierteljahrhundert ihre unterschiedlichen ästhetischen Empfindungen abgearbeitet haben, zieht nach Berlin um. "Wir freuen uns, dass ein Stück Böblingen in Zukunft inmitten der weltberühmten Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt zu bewundern ist", sagte Landrat Roland Bernhard und setzte das strahlendste Lachen auf, das ihm in diesen Zeiten möglich ist. "Sicherlich kann die Wandelhalle ein weiteres Wahrzeichen Berlins werden."

Bernhard, der mit seinem ungebremsten Eifer, Böblingen als Vorzeige-Landkreis ins Berliner Polit-Gedächtnis einzubrennen, über gute Kontakte in die Hauptstadt verfügt, gilt als Vater dieses Geschäfts. Wie er diesen Deal genau eingefädelt hat, darüber hüllte er sich jedoch am Dienstag in Schweigen. Genauso wie über die Kaufsumme: "Darüber wurde von beiden Seiten Stillschweigen vereinbart", erläuterte Bernhard.

Keine große Überzeugungsarbeit musste er offenbar beim Böblinger Gemeinderat und OB Stefan Belz leisten. "Als Roland Bernhard mit dieser Idee kam, waren wir zunächst skeptisch", räumte Belz ein, "aber dann überwog schnell die Erkenntnis, dass Berlin mit dem Böblinger Wahrzeichen an städtebaulichem Format gewinnt." Insofern sei der Umzug der Wandelhalle auch ein Akt von nationaler Bedeutung und einer gewissen Demut gegenüber den Bedürfnissen der Metropole. Böblingen werde nicht nur seinen Namen in den Augen von Millionen Besuchern unsterblich machen, wenn sein Bauwerk in Zukunft neben Monumenten der Weltkultur erstrahle. "Nein, Berlin wird auch von der visionären Architektur unserer Stadt profitieren", meinte Belz.

Dass die Entscheidung hinter verschlossenen Türen und ohne Befragung der Böblinger Bürger getroffen wurde, ist für den Oberbürgermeister zweitrangig. In diesem Fall habe die weit reichende nationale Dimension dieses Verkaufs alle Bedenken überdeckt, gestand er. "Dies sollten auch die Böblingerinnen und Böblinger vor kleinliches Besitzdenken stellen", forderte er.

Ihren neuen Platz wird die Wandelhalle am Spreekanal am Westufer der Museumsinsel erhalten. Die insgesamt 224 Metallstäbe sollen mit der Architektur der preisgekrönten James-Simon-Galerie des britischen Architekten David Chipperfield korrespondieren. Diese befindet sich auf der anderen Seite der Bode-Straße. Nach der 2018 fertiggestellten Galerie ist die Böblinger Wandelhalle damit das zweite Gebäude, das dem historischen Bestand der Museumsinsel hinzugefügt wird.

Eine zwölfköpfige Kommission der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz hatte über ein Jahr nach einem geeigneten Konzept für das Gelände gesucht, erläuterte ein Vertreter des Berliner Senats. "Unsere Wahl fiel auf die Böblinger Wandelhalle, da die zeitlose Komposition der Säulen und des Schachbrettmusters die Narrative der alten Baumeister aufgreift und die Postmoderne neu interpretiert", zitierte dieser Friedrich Schinkel. Der Professor fungiert als Leiter der Kommission.

Die 152 Meter lange Wandelhalle trennt bislang den Unteren und Oberen See und war Teil der Landesgartenschau 1996. Was mit der nun frei werdenden Fläche geschehen soll, wird Anfang 2021 durch einen städtebaulichen Wettbewerb geklärt.

Der OB als gelernter Luft- und Raumfahrttechniker hat da bereits seine eigenen Ideen: "Irgendwas mit Mond und Sternen wäre nicht schlecht", merkte er an. Bei der Nachnutzung sollen allerdings die Bürger das letzte Wort haben, versprach er.

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