Anlagebetrug: Geldvernichter kommt in Haft

Betrüger hat 15 Kunden im Kreis Böblingen um insgesamt 860 000 Euro geprellt - Drei Jahre Gefängnis

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    Viel Geld versprachen sich die Anleger - doch jetzt ist alles weg Foto: Unsplash/Robert Anasch

Im Gerichtsprozess gegen den ehemaligen Mitarbeiter der Sparkassenversicherung, der 15 Kunden um 860 000 Euro gebracht hat, ist am Donnerstag das Urteil gefällt worden. Der Betrüger muss drei Jahre ins Gefängnis. Ungeklärt ist der Verbleib von sage und schreibe 300 000 Euro.

Artikel vom 29. Februar 2020 - 15:00

Von Martin Dudenhöffer

BÖBLINGEN. Der Gerichtssaal war voll an diesem Donnerstagmorgen. Voll von Emotionen, aber auch die Zuschauerreihen waren gut besetzt. Tränen flossen, kollektives Raunen und Kopfschütteln, als weitere Details aus dem kurios gestrickten Fall des Sparkassen-Finanzierers Holger B. (Name von der Redaktion geändert) bekannt wurden. Der zweite Prozesstag wurde mit der Beweisaufnahme fortgesetzt. Nachdem am 13. Februar der Angeklagte seine Jahre andauernden Betrugstaten zu erklären versucht hatte (die KRZ berichtete), berief Richter Werner Kömpf nun zwölf Zeugen ein.

Sie alle waren Geschädigte und verloren teils existenzbedrohende Summen - viele von ihnen sind langjährige Bekannte und Familienmitglieder des ehemaligen Beraters der Böblinger Sparkassen-Versicherung Eine der geschädigten Anleger machte zu Beginn des zweiten Verhandlungstages deutlich, welche Tragik die Taten für sie mit sich bringt: "Er kannte unsere Familiensituation und wusste, dass ich drei Menschen gepflegt und vor ein paar Jahren meinen kranken Mann verloren habe", beschreibt die erste Zeugin schluchzend ihre Lage. Holger B. habe ihr Vertrauen ausgenutzt. Jahrelang habe sie tausende Euro auf ein vermeintliches Anlagekonto der Sparkassen-Versicherung bezahlt - mit verheerenden Folgen: "Nun habe ich Schulden über Schulden. Alleine auf die Wohnung 125 000 Euro."

Das Schneeballsystem, das seit mindes-tens 2014 bestand, nahm seinen Lauf. Holger B. nahm Geld an, oftmals das ganze Ersparte von Menschen, und versprach eine Anlage, die über zwei Prozent Zinsen einbringe. Für manche Kunden wurde er sogar zum "Robin Hood" - wie ihn ein Kunde nannte -, indem er ihnen offene Rechnungen bezahlte oder über die Einzahlsumme hinaus noch Zinsen erstattete. Für die meisten aber wurde er zum Vermögensvernichter. Verdacht schöpfte keiner. Hinweise auf ein krummes Geschäftsmodell hat es laut Richter Kömpf zwar gegeben, dennoch "wären wir alle wohl auf ihn hereingefallen". Niemand bemerkte, dass die Sparkassenversicherung keine Anlagen verkauft oder dass das Privatkonto des Angeklagten oder die IBAN einer Fremdbank angegeben war. Besonders bitter, so Richter Kömpf, sei das in den Fällen, in denen schwerkranke Menschen wie das Ehepaar S. nun ohne finanzielle Rücklagen dastehen.

Was ist mit etwa 300 000 Euro passiert?

Erst 2019 fiel das betrügerische Kartenhaus des Holger B. in sich zusammen. Eine resolute Rentnerin aus Böblingen stellte ihn telefonisch zur Rede und erfuhr, dass er einen Großteil ihres Geldes nicht mehr habe und er nun über einen Suizid nachdenke. Kurz danach nahm ihn die Polizei fest. Gut neun Monate später sieht der 56-Jährige nun einer Haftstrafe entgegen. Für den schweren, gewerbsmäßigen Betrug in 27 Fällen verurteilte ihn das Amtsgericht zu drei Jahren Haft. Wer über Jahre so systematisch agiert und Papiere fälscht, beweise kriminelle Energie und bei einem Schaden von über 860 000 Euro könne es nichts anderes als eine Haftstrafe geben, so das Gericht.

Der geständige und reumütige Angeklagte nahm mit gesenktem Haupt das Urteil entgegen. So "glasklar" das betrügerische Verhalten von Holger B. war, so unklar bleiben noch einige Fragen. Was ist mit etwa 300 000 Euro passiert, die in der Nachberechnung nirgends gefunden werden konnten? Warum konstruierte B. ein solches Finanzungetüm, um letztendlich "nur" die eigenen Ausgaben zu bedienen und das Schneeballsystem aufrechtzuerhalten? Die Gefängnisstrafe für B. ist für viele Geschädigten nur ein kleiner Trost, nicht wenige bangen um ihr finanzielles Überleben. Auch die Beteuerungen des Verurteilten, seine Schulden durch Arbeit zu begleichen, konnte die Geschädigten kaum besänftigen.

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