"Schaut mit den Ohren!"

Selbstversuch: Kinder der Freien Evangelischen Schule Böblingen schlüpfen in die Rolle von Blinden

Die bundesweite Aufklärungskampagne "Woche des Sehens" hat zum Ziel, Kindern einen Einblick in die alltäglichen Herausforderungen von Sehbehinderten zu geben. Die Freie evangelische Schule in Böblingen war auch dabei.

Artikel vom 25. Oktober 2019 - 17:00

BÖBLINGEN (red). "Ups, ich seh´ nix mehr!" Erstaunt fasst sich Felix an die Simulationsbrille, die er sich eben auf die Nase gesetzt hat. "So fühlt es sich an, wenn man Grauer Star hat und nur noch drei Prozent sieht", klärt ihn ein Mitarbeiter der Christoffel-Blindenmission (CBM) auf. Die Einrichtung hat zuletzt für Grundschüler der Freien Evangelischen Schule in Böblingen ein ganzes Klassenzimmer in einen riesigen "Parcours des Sehens" umgewandelt. "Und nun soll ich da rein?" Die Hand des Drittklässlers tastet sich mit dem Blindenstock voran durch den Vorhang, der die Hindernisse in der Welt der Blinden vor den Augen der Schüler verbirgt.

Kurz zuvor hat Dirk Graf-Frömke vom CBM-Team mit seinem Blindenhund "Herrn Lasse" den Kindern gezeigt, wie man einen Blindenstock benutzt. Die Kinder schweigen betroffen. Sie wissen, dieser Mann spielt diese Rolle nicht nur - er ist wirklich blind. Seit 24 Jahren. Doch Dirk Graf-Frömke will ein Blinder zum Anfassen sein. Geduldig beantwortet er alle Fragen der Kinder.

Wie weiß eigentlich ein Blinder, wie viel Uhr es gerade ist?

"Kann ein Blinder Fußball spielen?" Zum Beweis werfen die CBM-Mitarbeiter einen Fußball mit Rassel auf den Boden. "Wie weiß er, wie viel Uhr es ist?" Lina darf auf den großen Knopf an einer Blindenuhr drücken und alle lauschen der Zeitansage. Dann testen die Kinder das Lesen in der Blindenschrift "Braille". "Und was kostet ein Blindenhund?" Auch da gibt es Auskunft: 24 000 Euro, bis er ausgebildet ist. Schließlich beherrscht "Herr Lasse" rund 40 Befehle.

Der schwarze Labrador liegt in größter Seelenruhe neben seinem Herrchen, während sich die Kinder aufgeregt um ihn scharen. Der neunjährige Felix ist inzwischen im "Parcours des Sehens" an der ersten Stufe angelangt. Langsam tastet er sich hoch - und schon spürt er einen Mülleimer, dann einen sandigen Boden. Piepst da drüben nicht der Drücker von der Ampel?

"Schaut mit den Ohren!" Diesen Tipp gibt Dirk Graf-Frömke den Kindern abschließend mit auf den Weg. Dankbar setzen die Schüler die Brillen am Ende wieder ab. Mit einem Film informieren die CBM-Mitarbeiter, wie man Menschen in Entwicklungsländern helfen kann. Seit 110 Jahren engagiert sich die Organisation - derzeit in 55 Ländern und in 525 Projekten.

Verwandte Artikel