Nicht nur Freude über Park(ing) Day in Böblingen

Böblinger Parkplätze verwandeln sich in kleine, grüne Oasen - Diskussion über Stadtbild und Nachhaltigkeit

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Artikel vom 22. September 2019 - 16:12

Von Simone Mücke

BÖBLINGEN. Samstagvormittags erledigen die einen noch ihren Wocheneinkauf - andere suchen vielleicht verzweifelt einen Parkplatz, um ein Bier beim 20-jährigen Jubiläum des Schönbuch-Bräu-Getränkemarktes zu zapfen. Alle sind in Eile und schlimmstenfalls genervt, wenn wieder einmal kein Parkplatz auffindbar ist. Doch dann - mitten im hektischen Stadtleben - eröffnet sich eine kleine Oase der Entspannung: Zusammenkommen in einem kleinen, grünen Wohnzimmer an der Straße.

Dahinter steckt der sogenannte Park(ing) Day, ein weltweites, eintägiges Experiment, das auch in der Böblinger Innenstadt stattfindet. Parkplätze für Autos werden für ein paar Stunden in Parks umgestaltet und zeigen damit das versteckte Potenzial des urbanen (Park-)Raums. So verwandeln sich am sonnigen Samstagvormittag die Parkplätze vor der Waldburg-Apotheke an der Poststraße in ein grünes Wohnzimmer. Die Initiative Essbare Stadt Böblingen, der ADFC, Greenpeace und die Radinitiative Böblingen stehen als Organisatoren hinter dieser Aktion. Auf den Parkplätzen stehen auf grünen Planen einige Gartentische, -stühle und Bierbänke. Farne, Blumen und Wohnzimmerpflanzen, die die Initiatoren aus den eigenen vier Wänden mitgebracht haben, sorgen für ein naturnahes Gefühl. Freundlich und einladend wirkt der Platz, auf dem auch Kinder mit Jonglierbällen spielen und Hobbymusiker Pitt Bäuerle von den Naturfreunden Holzgerlingen den geschaffenen Raum mit Musik erfüllt.

Der Par(king) Day findet in Böblingen schon zum dritten Mal statt. Angefangen hatte es mit zwei Parkplätzen an der unteren Poststraße, dann drei Parkplätze an der Stadtgrabenstraße. Dieses Jahr sind es acht Parkplätze, die für die grüne Insel bis um 15 Uhr weichen müssen. Der Platz bei der Poststraße, direkt neben der Bäckerei Frech wurde bewusst ausgewählt, weil die Leute auf die wenigen Parkplätze, die es vor Ort gibt, fokussiert sind. Auf einer kleinen Tafel sind Fotos des Postplatzes abgebildet, die bis in Vorkriegszeiten zurückgehen. Dort, wo heute alle Autos um die Verkehrsinsel geleitet werden, war früher freier Raum - ganz ohne Autos.

Auch Thorsten Breitfeld aus dem Böblinger Gemeinderat betrachtet die Fotos und bekennt sich positiv zum Park(ing) Day: "Das ist ein Beispiel, wie Balance in der Stadt aussehen könnte." Er selbst ist mit dem Fahrrad gekommen und unterhält sich mit Pascal Panse vom CDU-Kreisverband Böblingen und Roland Schmitt, dem Vorsitzenden des ADFC Sindelfingen/Böblingen. Anregend diskutiert wird aus gegebenem Anlass auch die generelle Parksituation in der Böblinger Innenstadt: "Während die Hälfte draußen um Parkplätze streitet, gibt es Parkhäuser, bei denen man immer freie Parkplätze vorfinden kann," sagt Pascal Panse. "Viele wissen gar nicht, dass dort die ersten 30 Minuten frei sind. Eine gute Beschilderung fehlt," fügt Breitfeld hinzu. "Böblingen muss man kennen, um zu wissen, wo man parken kann," sagt Roland Schmitt. Für die Fahrradfahrer sieht er noch Bedarf, mehr Raum zu schaffen. "Zu oft kommt der Fußverkehr mit den Pendlern in Kontakt," erklärt Schmitt, weil in der Innenstadt von parkenden Autofahrern der Platz für Fahrradfahrer blockiert werde, die dann auf den Gehweg ausweichen.

Für Ute Teufel ist der Park(ing) Day ein symbolischer Tag. Sie ist seit sechs Jahren aktives Mitglied bei Greenpeace Böblingen und unterhält sich angeregt mit den Besuchern und Anwohnern. Die berufliche Frauenärztin hat die letzten zwei Park(ing) Days in Böblingen miterlebt. "Aber hier ist es bisher am besten. Wir hatten noch nie so viel Platz, haben alles aufwendig dekoriert und die Lage ist auch sehr schön," erzählt sie zufrieden. Für sie ist der Park(ing) Day ein symbolischer Tag. "Wir haben auch Leute da, die alle halbe Stunde die Straße beobachten, um zu sehen, ob wirklich alles voll steht." Erklärt sie. Die bisherige Situation ist, so Teufel, dass es immer ein paar freie Parklücken gibt.

Bäckerei-Chef Hornstein hätte sich bessere Abstimmung gewünscht

Aber es gibt auch kritische Stimmen. Einige Passanten fragen sich, ob das nicht geschäftsschädigend für die umliegenden Betriebe sei, wenn plötzlich acht Parkplätze fehlen. Direkt betroffen ist die anliegende Bäckerei Frech. Johannes Hornstein sieht als Geschäftsführer die fehlende Kundschaft durch die besetzten Parkplätze. "Der Park(ing) Day ist sinnvoll und ich bin generell nicht gegen den Grundgedanken," erklärt Hornstein, aber er sieht dennoch ein Problem für seinen Betrieb: "Es gibt andere Räume in Böblingen, die tot sind. Der Postplatz hat eine Handelsfunktion," ist sich Hornstein sicher. Er hatte sich mehr Zusammenarbeit mit den Initiatoren gewünscht.

Am Donnerstag hatte er eine E-Mail vom Stadtmarketing erhalten, indem die Aktion angekündigt wurde. Vom Park(ing) Day hatte er aus anderen Städten Bilder gesehen, an denen die Standorte für die Aktion ganz anders gewählt wurden. "Die Leute parken sicherlich nicht für zwei Brezeln im Parkhaus oder mehrere Meter weiter weg," mahnte Johannes Hornstein.

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