Böblinger Amtsgericht: Bewährungstrafe für Einbruch beim Drogendealer

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    Drogensucht führte zum Einbruch F: dpa/Archiv

Artikel vom 31. Juli 2019 - 19:00

Von Jan-Philipp Schlecht

BÖBLINGEN. Wirklich zu Ende überlegt haben sich Jonas K., Michael F. und Daria M. (alle Namen geändert) ihr Vorhaben nicht, als die drei Jugendlichen am 25. September des vergangenen Jahres eine große Dummheit begehen. Zehn Monate später sitzen die drei beim Böblinger Amtsrichter Ralf Rose auf der Anklagebank. Der Vorwurf an Jonas K., den Kopf des Trios: Wohnungseinbruch und gewerbsmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in 28 Fällen. Den Anfang nahm das Unheil für die drei, als K. im September 2018 aufgrund seiner Drogensucht in akute Geldnot gerät.

Damals beschließt der 18-Jährige, seinen Drogendealer Oliver V. um Geld und seine Marihuana-Vorräte zu erleichtern, um seine Sucht zu finanzieren. V. lebt in einer Erdgeschosswohnung auf der Diezenhalde in Böblingen, in der K. und Konsorten schon öfter zu Besuch waren. Dabei habe V. seinen Gästen freimütig erzählt, wie viel Geld man mit dem Handel von Drogen verdienen könne - und auch verraten, wo er seine Geldscheine aufbewahrt. Jonas K. ist ein häufiger Kunde von ihm und inhaliert damals "täglich bis zu fünf Gramm" Marihuana, sagt er vor Gericht. Gemeinsam mit seinem Komplizen Michael F. heckt er folgenden Plan aus: Die Bekannte Daria M. soll den Dealer V. kontaktieren und zu einer Tankstelle in der Wolfgang-Brumme-Allee in Böblingen lotsen. Der Vorwand: Es gehe um ein Drogengeschäft. Der Fisch beißt an, V. verlässt seine Wohnung am Abend des 25. September. Was er noch nicht weiß, Daria M. wird nicht an der Tankstelle auf ihn warten. Sie ist der Lockvogel und wartet in sicherer Entfernung.

Nur Minuten später machen sich Jonas K. und sein 19-jähriger Kumpel Michael F. an V.'s Balkontür zu schaffen, die in Kippstellung steht, wie K. später vor Gericht aussagt. Getarnt mit Hockeymasken und mit über die Hand gestülpten Hundekotbeuteln versucht erst F. die Tür aufzuhebeln, dann K., dem es schließlich gelingt. Da sie wissen, wo sie suchen müssen, krallen sie sich 1100 Euro in bar sowie 30 Gramm Marihuana und machen sich aus dem Staub. Doch der Einbruch fliegt kurze Zeit später auf.

Der Grund: K. nimmt das gestohlene Gras und vertickt es in den Tagen darauf selbst im Bereich der Böblinger Seen. Offenbar handelt es sich dabei um eine eher ausgefallene Sorte, die sonst nur besagter Dealer feilbietet. Ein anderes Mitglied der Clique beobachtet das - und verrät ihn an den Geschädigten. Jonas K.: "Wir haben die Sache geklärt und zunächst eine Rückzahlung des Geldes in Raten vereinbart." Das klappte auch bei der ersten Rate in Höhe von 100 Euro. Doch dann schwört der Dealer auf einmal Rache. Mit acht bis zehn Unterstützern kreuzt er bei K. auf, fordert jetzt 1500 Euro und 100 Gramm Marihuana als Entschädigung. Der Dieb muss Prügel einstecken, zieht sich einen Riss in der Mundschleimhaut zu. K.: "Sie haben damit gedroht, ansonsten meiner kleinen Schwester etwas anzutun."

Daraufhin bekommt er es mit der Angst zu tun. Und geht zur Polizei. Auf der Wache kommt er nicht umhin, die ganze Geschichte zu erzählen, berichtet der zuständige Kripo-Beamte im Zeugenstand. Die Beamten nehmen die Aussage auf und gehen dem Einbruch nach. Tatsächlich stellt sich alles so dar, wie es der 18-Jährige geschildert hat. Obwohl selbst Opfer der räuberischen Erpressung, erhält Jonas K. im September 2018 eine Anzeige wegen Einbruch und unerlaubten Handeltreibens mit Drogen.

Zehn Monate später im Amtsgericht Böblingen. Jonas K. und seine beiden Komplizen zeigen Reue, geloben Besserung. Die Drogensucht habe bei ihm derart bedrohliche Ausmaße angenommen, dass er sich für drei Wochen in eine Psychiatrie einweisen ließ. "Die Ärzte haben mir gesagt, wenn ich weiter kiffe, besteht eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit, an einer paranoiden Schizophrenie zu erkranken", sagt er mit gesenktem Kopf. Seit diesem Moment habe er den Drogen abgeschworen und versucht, sein Leben auf die rechte Bahn zu bekommen. Was ihm tatsächlich gelungen scheint. Derzeit absolviert er eine Ausbildung zum Koch in einem Sindelfinger Hotel. Einem erfolgreichen Abschluss steht nichts im Wege.

Ebenfalls geläutert, wenn auch nicht ganz so einsichtig, sind die beiden Mittäter Michael F. und Daria M. Sie sagen vor Gericht, noch immer aus, den einen oder anderen Joint zu rauchen. Höchstens, "gerade dabei zu sein, aufzuhören." Doch beide leben in einigermaßen geordneten Verhältnissen. Michael F. hat Aussicht auf einen Ausbildungsplatz als Karosseriemechaniker, Daria M. will ihre Fremdsprachenkenntnisse beruflich nutzen. All das und vor allem die Geständnisse der drei veranlassen Richter Ralf Rose zu einer vergleichsweise milden Strafe.

Die Staatsanwältin forderte 1,5 Jahre Jugendstrafe zur Bewährung und 500 Euro Geldstrafe für den Drahtzieher Jonas K. Das Urteil lautet schließlich auf ein Jahr und 500 Euro. Ralf Rose zu K.: "Sie machen den besten Eindruck von den dreien. Sie haben am meisten gekifft, sind am tiefsten gefallen. Aber genau deshalb glaube ich, dass ich Sie so schnell nicht wiedersehen werde." Bei Michael F. geht der Richter über das geforderte Strafmaß hinaus und verdonnert ihn zu neun Monaten auf Bewährung plus 300 Euro Geldbuße und fünf Termine bei der Drogenberatung. Lockvogel Daria M. kommt glimpflich davon: Sie muss lediglich 40 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten.

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