Hitze, Hetze, Hitzköpfe

Rückspiegel THEMA: Ein kühles Gemüt würde vielen Facebook-Usern guttun

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    Die Hitze steigt derzeit womöglich einigen Menschen zu Kopf. Symbolbild: Daniel von Appen/Unsplash
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Artikel vom 06. Juli 2019

Von Eddie Langner

Liegt es an der Sommerhitze? Bei einigen Zeitgenossen scheint derzeit nur ein kleiner Funke zu genügen, um eine offenbar sehr kurze Zündschnur in Brand zu setzen. So geschehen zum Beispiel im Freibad Böblingen, wo vergangene Woche ein paar Jugendliche sich nicht an die Regeln halten wollten und deshalb mit Polizeigewalt aus dem Bad geworfen werden mussten. Dass aggressives Verhalten auch weitaus schlimmere Folgen haben kann, zeigt jetzt der Vorfall in der Böblinger Bunsenstraße, bei dem ein Polizeieinsatz wegen nächtlicher Ruhestörung unvermittelt zu einer Messerattacke mit darauffolgendem Schusswaffengebrauch eskaliert ist.

 

Die Hintergründe zu diesem schockierenden Gewaltausbruch sind am frühen Freitagmorgen noch völlig unklar. In einer ersten Meldung ist nur von einer "Schießerei" mit mehreren Schwerverletzten in Böblingen die Rede. Auf Facebook, wo sich die Nachricht binnen Minuten wie ein Flächenbrand ausbreitet, ist das Urteil dennoch schnell gesprochen. "Wie bestellt, so serviert", spielt ein eifriger Kommentator nichts- und doch vielsagend auf Flüchtlinge an. Andere sind da weniger subtil: Einer postet einfach gleich ein Merkel-Bild samt Zitat, in dem die Kanzlerin sinngemäß sagt, dass ihr egal sei, ob sie die Schuld am Flüchtlingszustrom trage.

 

Ob Merkel diese Worte je so gesagt hat, interessiert nicht. Auch als die Polizei den Täter einige Stunden später in einer aktualisierten Meldung als 24-jährigen Deutschen angibt, geht die Hetze munter weiter. Schließlich hat man es hier mit einer Zeitung zu tun. Und die lügt bekanntlich wie gedruckt. So geht jedenfalls die Logik einiger Facebook-Kommentatoren, die wie die Schmeißfliegen über entsprechende Meldungen herfallen und sich dann in dem stinkend-braunen Sturm im Wasserglas suhlen, den sie zuvor mit ihrem eigenen Buchstaben-Dünnpfiff ausgelöst haben.

 

Dabei müssen es offenbar längst keine Polizeimeldungen über gewalttätige Ausländer sein. Als in dieser Woche zuerst im Sindelfinger und danach im Herrenberger Freibad die Technik vor der Hitze und den Besuchermassen kapituliert, wirken diese Meldungen wie ein Brandbeschleuniger auf der Facebook-Seite der Kreiszeitung - insbesondere die Mitteilung über die kurzfristige Schließung des Herrenberger Naturbeckens. Viele lesen nur die Überschrift und schütten daraufhin ungehemmt ihre Wut und Häme aus.

 

Die Online-Redaktion erlaubt sich deshalb den Hinweis, die Meldung doch vielleicht mal bis zum Ende zu lesen. Schließlich ist darin nur von einer auf einen (!) Reinigungstag begrenzten Schließung die Rede. Die Reaktion eines Facebook-Users ist ebenso befremdlich wie bezeichnend: "Lernt ihr mal lieber, ehrlich zu berichten", rotzt der seinem Profilbild nach recht junge Mann. In dem Sozialen Netzwerk ist er offenbar mit seinem echten Namen aktiv. Vergeblich bleibt der Versuch, das erhitzte Gemüt mit höflich-sachlicher Ansprache ein bisschen herunterzukühlen. "Zeitungen sind Medien und Medien lügen", führt der junge Mann mit seiner Pauschalverurteilung die Unterhaltung schließlich in eine Sackgasse. In diesem Fall ist es dann die Zündschnur der Online-Redaktion, die für Höflichkeit und Diplomatie nicht mehr lang genug ist: "Richtig, haben wir auch gehört. Stand zuletzt auch mal irgendwo auf Facebook. Muss also stimmen", lautet die sarkastische Antwort. Fand er nicht so witzig.

 

Alles andere als witzig ist auch die Entwicklung, die sich hinter diesen Beispielen verbirgt: Wir erleben im Netz eine verbale Aufrüstung, die sich zunehmend auch im "wahren Leben" gewaltsam Bahn bricht - der Mord an Walter Lübcke in Kassel ist dafür ein mahnendes Beispiel. Auch auf der Facebook-Seite der Kreiszeitung geraten gewisse Hitzköpfe immer wieder heftig aneinander und vergreifen sich dabei deutlich im Ton. Was dagegen hilft? Wie wäre es damit: Einfach mal die Filter-Blase verlassen und stattdessen im kühlen Freibadbecken Blasen schlagen. Ein bisschen Abkühlung könnte uns allen guttun.

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