Böblinger Amtsgericht: "Keine Sternstunde der Wahrheit"

Drei junge Männer wegen schwerer Körperverletzung verurteilt - Die Hauptzeugen entlasten die Angeklagten und widersprechen sich teilweise in ihren Aussagen

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    Zwei der drei Fälle werden vor Gericht eingestellt Foto: Archiv/Jan-Philipp Strobel/dpa

Artikel vom 05. Juli 2019

Von Isabelle Zeiher

BÖBLINGEN. "Fick dich", "Fick deine Mutter", "Wir machen euch fertig" und dann plötzlich der erste Schlag ins Gesicht. Am 14. Juli vergangenen Jahres eskalierte gegen Mitternacht ein Streit zwischen einer größeren Gruppe Afghanen und einem Mitarbeiter und zwei Besuchern der Bahnhofskneipe Hoons in Böblingen. Aus einem hitzigen Wortgefecht wurde eine Massenschlägerei - Prellungen und Kratzwunden waren die Folge. Hauptakteure an diesem Abend: der 19-jährige Schüler Ali S., der 20-jährige Auszubildende Jusup R. und der ein Jahr ältere Mohammad A. (alle Namen geändert). Das Trio saß deshalb jetzt auf der Anklagebank im Amtsgericht.

Elegant zurechtgemacht sind sie. Weißes Hemd. Schwarze Hose. Ernster Blick. Als die Anklageschrift verlesen wird, lassen sich aus den Gesichtern der jungen Männern drei Gefühlsregungen herauslesen: Trotz, Angespanntheit und Unverständnis. Bei dem Fall in der Bahnhofsgaststätte sei es um ein Mädchen gegangen, die mit den Angeklagten nicht reden wollte. Andere Gaststättenbesucher mischten sich ein und versuchten zu schlichten. "Ich wollte keinen Stress", sagt ein weiterer Beteiligter, "wir haben erst laut gesprochen, dann hat mir plötzlich einer mit der Faust eine mitgegeben, und ich hab zurückgeschlagen." Danach seien viele Personen auf ihn losgegangen.

Auch zwei andere, die dazwischen gingen, bekamen Schläge ab. Eine Frau beobachtete, dass Mohammad A. etwas Silbernes in der Hand hielt. Ein Messer, vermutete sie und rief die Polizei. "Mohammad A. und Ali S. waren die Hauptakteure, das hat man sofort gesehen", erzählt ein Polizeibeamter, der am Einsatztag vor Ort war, "von ihnen ging die Bewegung aus. Ich dachte Mohammad A. wäre bewaffnet, aber es war nur seine Uhr, die sich der 21-Jährige um sein Finger gelegt hatte." Als Schlagring, vermutet das Gericht. Die beiden werden festgenommen.

Jusup R., der dritte Angeklagte, war nicht da, als die Polizei auftauchte. "Ich war gar nicht da, sondern bei meinem Bruder in Stuttgart", sagt Jusup R. und weist damit jegliche Schuld von sich. Seine Mitangeklagten unterstützen seine Aussage - sie hätten ihn am Tatort nicht gesehen. Zeugen identifizierten ihn aber anhand eines Bildes auf dem Revier. Die Tatverdächtigen können sich an beinahe nichts mehr erinnern. "Ich weiß nur noch, dass ich betrunken zur Gaststätte gelaufen bin und mich mit einem türkischen Jungen gestritten habe", sagt Ali S. mithilfe eines Dolmetschers, "dann wurde ich von links und rechts geschlagen."

Mohammad A. behauptet: "Ich bin einfach in die Schlägerei reingekommen. Anfangs war ich nicht beteiligt." Ein Polizist berichtet allerdings: "Sie waren zwar alkoholisiert, aber motorisch fit." Dass die Angeklagten nichts mehr wissen, sei ausgeschlossen. Neben der Schlägerei wirft das Gericht zwei Angeklagten weitere schwere Körperverletzungen vor. Mohammad A. soll diesen März bei einem Streit in der Bahnhofunterführung seinem Gegenüber eine Flasche über den Kopf gezogen haben, und Ali S. wird vorgeworfen, dass er an Halloween einem Gleichaltrigen die Maske herunterriss und mit dem Griff eines Messers auf dessen Hinterkopf schlug. Auch diese Fälle seien anders als in der Anklageschrift beschrieben, so die jungen Männer.

Mohammad A. gibt an, sich nicht erinnern zu können, jemandem mit einer Flasche einen Schlag auf den Kopf verpasst zu haben. Und Ali S. sagt, er habe zwar die Maske heruntergezogen, aber geschlagen habe er nie. "Ich hatte Angst und wollte wissen, wer da unter der Maske ist." Mehr als schubsen sei nicht passiert. "Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet, und er hat niemanden etwas getan", sagt seine Freundin Julia Müller (Name geändert), die laut eigener Angeben nur wenige Schritte neben ihm stand.

Märchenstunde im Böblinger Amtsgericht?

"Märchenstunde erster Teil", sagt Richter Ralf Rose zu der Aussage von Ali S., "wenn die Zeugen nachher etwas anderes sagen, dann rappelt es aber kräftig." Später die Überraschung. Der Zeuge, der vor der Polizei noch ganz klar ausgesagt hatte, dass Mohammad A. im März mit einer Flasche zugeschlagen hat, möchte von der Aussage jetzt nichts mehr wissen. "Es ist schon so lange her", rechtfertigt er sich, "ich habe nur gehört, wie die Flasche zerspringt." Auch das vermeintliche Opfer sagt aus, dass er niemals mit einer Flasche geschlagen wurde: "Ich war total betrunken und wir haben uns gestritten - nicht geschlagen. Mehr weiß ich nicht." Ali S. wird ebenfalls entlastet. Der junge Mann, dem an Halloween ein Messergriff auf den Kopf gehauen wurde, schließt aus, dass es Ali S. war, der ihn geschlagen hat. Nur das mit der Maske sei er gewesen.

Ein weiterer Zeuge, der bei der Polizei Ali S. als Täter identifiziert hat, revidiert die Aussage in der Verhandlung. Die beiden Anklagepunkte werden fallen gelassen. Lediglich bei der Auseinandersetzung im Hoons kommt es zu einer Verurteilung. "Die Hälfte der Zeugenaussagen entsprachen nicht der Wahrheit", vermutet die Staatsanwältin. Es habe einen Beigeschmack, wenn sich der Zeuge und der Angeklagte vor der Aussage per Handschlag begrüßen. "Es war keine Sternstunde der Wahrheitsfindung heute", sagt ein Verteidiger bekräftigend.

Kurz bevor die Verhandlung geschlossen wird, kommen zumindest beim Angeklagten Mohammad A. einige Erinnerungen zurück, und er gesteht die ihm vorgeworfenen Taten bei der Schlägerei im Hoons. Die Uhr habe er allerdings nicht als Schlagring verwendet. Das Band sei gerissen. Auf Anraten ihrer Anwälte entschuldigen sich die jungen Männer - Jusuf R. kann sich allerdings den Kommentar "auch wenn ich gar nicht weiß, wofür" nicht verkneifen.

Richter Rose verliest das Urteil: Die Angeklagten müssen an einem sozialen Trainingskurs teilnehmen und Arbeitsstunden ableisten. Aufgrund der unterschiedlichen Schwere der Tat muss Mohammad A. in den nächsten drei Monaten 140 Stunden antreten, während Ali S. nur 100 und Jusuf R. 60 Stunden angewiesen bekommen. Während Mohammad A. das Urteil akzeptiert, überlegen sich Ali S. und Jusuf R. in Revision zu gehen. Die Verfahrenskosten tragen die Angeklagten.

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