Rückspiegel: Das Rad dreht sich

Das Fahrrad ist in der Mobilitätsdebatte angekommen

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    Polit-Prominenz auf dem Sattel: Verkehrsminister Winfried Hermann (2.v.l.) eingerahmt von den beiden Oberbürgermeistern Bernd Vöhringer (l.), Stefan Belz (3.v.l.) und Landrat Roland Bernhard (r.) Foto: Bischof

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 22. Juni 2019 - 07:13

Verkehrswege für Fahrräder? Standen noch vor Jahren kaum im öffentlichen Fokus. Man hatte eher den Eindruck, Radwege wurden von Verkehrsplanern stiefmütterlich behandelt, während sie das Hauptaugenmerk auf möglichst breite und gut vernetzte Autostraßen richteten. Vorbei die Zeiten. Nachdem in Baden-Württemberg die Landesregierung, das Stuttgarter Rathaus und seit dem vergangenen Jahr auch das Böblinger grün dominiert sind, konzentrieren sich die Anstrengungen spürbar stärker auf den Ausbau von Radwegen. Das beweist der Fakt, dass die Öffentlichkeit hier mit den Begriffen oft noch überfordert ist.

Nur wenige kennen etwa den Unterschied zwischen Radweg und Radschnellweg. Hinter dem Begriff verbirgt sich der Gedanke, Radlern 4,50 Meter breite Trassen zur Verfügung zu stellen. Auf diesen sollen sie nach Herzenslust in die Pedale treten. Höhere Geschwindigkeiten und Gegenverkehr sind erwünscht, Pendler sollen zum Umstieg bewegt werden. Radwege hingegen gleichen eher Rad-Landstraßen, weniger Radautobahnen. Eine solche wurde vor knapp drei Wochen zwischen Böblingen/Sindelfingen und Stuttgart-Rohr feierlich eröffnet. Und das mit überraschend großem Bohai, wie man ihn sonst nur von Straßenbauprojekten kennt.

Da gab es Kunstradvorführungen, Maultaschen, Landkreis-Getränke, ein Schauspieler mimte den Fahrrad-Erfinder Karl Drais, und die Politik gab sich die Ehre. Es war klar, dass Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann sich diesen Termin nicht nehmen lassen würde. Stilecht kam er auf dem E-Bike-Sattel zur Eröffnung und lobte die schnelle Umsetzung des auch von ihm forcierten Projekts. Die drei Millionen Euro, die in die Planierung der Pflastersteintrasse geflossen seien, klängen nach viel, sagte er. Und doch sei es ja wenig im Vergleich zu den Geldern, die in den Straßenbau fließen. Stimmt: Der Ausbau der A 81 zwischen Böblingen-Hulb und Sindelfingen-Ost ab dem kommenden Jahr verschlingt ein Hundertfaches davon.
Es schien, als wollten die Verantwortlichen im Böblinger Wald gegen die automobile Übermacht hierzulande ankämpfen. Doch bei allem Tatendrang im Sinne des Umweltschutzes sollte mit Augenmaß agiert werden. Braucht eine Radautobahn wirklich ein Beleuchtungssystem mit Bewegungsmeldern? Die LED-Laternen entlang der Trasse verdienen das Prädikat luxuriös. Gut, dass die Illuminierung zeitlich begrenzt ist: Ab 20.30 Uhr dürfen sich Fuchs und Hase ungestört gute Nacht sagen. Trotzdem wurde kurz nach der Eröffnung die Befürchtung laut, dass die im Wald lebenden Tiere sich von dem wandernden Lichtband abgeschreckt fühlen könnten. Was einleuchtend klingt.

Um Radautobahnen wie diese auch flott unter die Räder nehmen zu können, steigen vor allem Senioren gerne auf ein Pedelec um. Die Räder mit Elektroantrieb scheinen im Straßenbild schon fast so häufig vertreten wie die ohne Hilfsmotor. Und doch birgt auch dieser Trend so manche Gefahr. Denn viele E-Radler sind zwar schneller, aber deswegen keineswegs sicherer unterwegs. Wie gut, dass es Sicherheitstrainings wie das der Verkehrswacht in Magstadt gibt. Dort gewinnen Um- und Wiedereinsteiger Sicherheit am Lenker, damit die Zahl der Unfälle mit Pedelecs nicht noch weiter dramatisch ansteigt.

Sicherheit lässt sich auch anders interpretieren. Nämlich so, dass im Zuge des Pedelec-Trends auf einmal durchaus Werte in und vor Garagen und Hauseinfahrten stehen. Gelegenheit macht Diebe, sagt ein Sprichwort. Der Blick in die Kriminalitätsstatistik offenbart zwar keinen sprunghaften Anstieg in puncto Fahrrad-Klau. Doch die Besitzer der teuren Gefährte sollten sich die allgegenwärtige Gefahr bewusst machen. Die Polizei empfiehlt, zehn Prozent des Kaufpreises von einem Fahrrad in das Schloss zu investieren. Ob die Formel auch für die deutlich teureren E-Bikes greift, sei dahingestellt. Aber ein geschärftes Bewusstsein schadet nie.

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