Treff in Böblinger Hotelzimmer endet vor Gericht

Hat ein 19-Jähriger seine Ex-Freundin vergewaltigt? Amtsrichter Ralf Rose spricht den Angeklagten frei

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    Im Zweifel für den Angeklagten hieß es vor dem Böblinger Amtsgericht Foto: red

Artikel vom 21. Mai 2019 - 17:56

Von Michael Stürm

BÖBLINGEN. Was war passiert an jenem Februar-Samstag des vergangenen Jahres in einem Böblinger Hotelzimmer? Eines war klar: Zwei junge Menschen hatten dort Sex miteinander. Doch war dieser auch von beiden gewollt? Schäferstündchen oder Vergewaltigung? Richter Ralf Rose sah sich am Dienstag mit zwei ganz verschiedenen Geschichten konfrontiert.

Ben R. (alle Namen geändert) sitzt auf der Anklagebank und erweckt nicht den Eindruck, dass er etwas falsch gemacht hat. Mit klarer Stimme und sicherem Auftreten erzählt der 19-jährige Auszubildende, dass er mit Jasmin C., seiner ehemaligen Freundin, vereinbart habe, eine Nacht im Hotel zu verbringen. Jasmin, damals 17, sollte sich dort Dinge im Internet bestellen - wie früher auch, als Ben den großzügigen Gönner für seine notorisch klamme Freundin gab.

Für den Angeklagten war klar, was noch passieren sollte: Die gescheiterte Beziehung sollte in ein anderes Verhältnis umgewidmet werden. "Freundschaft plus" nennt Ben diese Form der Partnerschaft. "Dabei geht es nur um sexuellen Kontakt, nicht um Gefühle", erläutert er. Zwei kleine Flaschen Sekt und eine Pizza sollten den Rahmen für das Treffen bieten. Noch bevor der Pizzadienst lieferte, kam es zum Geschlechtsverkehr. "Einvernehmlich", behauptet Ben R.

Für den Richter und den Verteidiger sind die Ausführungen zu vage, um sich ein klares Bild von den Vorgängen im Hotelzimmer zu machen. Immer wieder bohren sie bei dem Angeklagten nach und nötigen ihn zu einer detaillierten Darstellung des Geschlechtsaktes. "Ich kann Ihnen das jetzt nicht ersparen", betont der Richter mehrmals.

Jasmin C. hat das Zusammensein mit ihrem Ex-Freund ganz anders erlebt. Was aus ihrer Sicht im Hotelzimmer passierte, erfährt nur das Gericht. Ihre Rechtsanwältin beantragt den Ausschluss der Zuschauer, während Jasmin C. aussagt, da diese während des Vorfalls noch minderjährig war.

Öffentlich wird so nur, was der Staatsanwalt zu Beginn bei der Anklageerhebung verliest. Den Ermittlungen zufolge habe sich Ben R. auf den Bauch seiner Ex-Freundin gesetzt, diese gepackt, gewürgt und sich schließlich an ihr vergangen, obwohl sie sich gewehrt habe. Für die Anklage ein klarer Fall von Vergewaltigung. Das Gesetz sieht hierfür eine Mindeststrafe von zwei Jahren vor.

Weniger klar einzuordnen sind für die medizinische Gutachterin die körperlichen Folgen, die das Treffen für Jasmin C. hatte. Die Hautverfärbungen am Hals, die auf Fotos dokumentiert sind, kann sie nicht als eindeutige Würgemale identifizieren. Die Medizinerin möchte jedoch auch nicht ganz ausschließen, dass Ben R. seine Ex-Freundin gewürgt hat. "Kein eindeutiger Befund" lautet ihre Expertise.

Widersprüche bei der Aussage

Zur Erhellung beitragen kann auch ein Kriminalpolizist im Zeugenstand nicht. "Der Angeklagte kam überzeugend rüber", erinnert er sich an die Vernehmung. Der Ermittler räumt ein, dass er kurz von einer vorgetäuschten Straftat ausging. Nachdem er mit Jasmin C. gesprochen hatte, waren jedoch die Zweifel schnell wieder abgehakt. "Sie war genauso überzeugend", sagt der Polizist und weist damit auf die schwierige Faktenlage hin: Aussage gegen Aussage statt objektiver Beweise. Diese, versichert er, hätten sich auch durch die Vernehmung des Hotelpersonals und das persönliche Umfeld der Beteiligten nicht ergeben.

Ein Dilemma, vor dem auch das Gericht steht. Das ist sich einig, dass mit Ben R. ein junger Mann vor ihm sitzt, dem es noch an Reife fehlt und somit das Jugendstrafrecht anzuwenden ist.

Am Ende bewahrt Ralf Rose den Angeklagten vor einer Strafe und spricht ihn frei, weil nicht eindeutig zu klären ist, was in dem Böblinger Hotelzimmer wirklich passierte. Der Richter verweist darauf, dass die Aussage, die Jasmin C. vor Gericht machte, offensichtlich Widersprüche zu ihren Auslassungen gegenüber der Polizei aufweist. Auch die Tatsache, dass die Gerichtsmedizinerin keine eindeutigen Verletzungsmerkmale identifizieren konnte, halten das Gericht von einer Verurteilung ab.

"Wir können uns vorstellen, dass Jasmin C. wusste, was es hieß, gemeinsam ein Hotelzimmer zu beziehen", versucht der Richter eine Deutung der Vorgänge. Sie habe wahrscheinlich keine deutlichen Nein-Signale formuliert und Ben R. die Sensibilität gefehlt, ihr Verhalten so zu deuten. Das Gericht musste in diesem Fall nach dem Rechtsgebot "Im Zweifel für den Angeklagten", handeln, betont Ralf Rose. Ein Freispruch erster Klasse sei das nicht, was Ben R. erfahren habe.

Und dabei blieb es auch nicht: Als die Kripo das Handy des Angeklagten nach Chat-Protokollen durchsuchte, traf sie auch auf mehrere kinderpornographische Fotos. Dafür muss Ben R. 1000 Euro Strafe bezahlen und sich einer psychologischen Beratung unterziehen.

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