Humor: Zeitblase in der Böblinger Post

Aus unserer Kolumne "Bonbons"

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    Geht 20 Jahre nach: Die Uhr an der Wand im Böblinger Postamt. Foto: edi

Artikel vom 22. April 2019

Die Zeitblase in der Böblinger Post

Neulich im Böblinger Postamt in der Bahnhofstraße: Die wartenden Kunden stehen bis hinaus in den Flur. Füßen tappen ungeduldig auf den Boden, genervte Blicke schielen auf Armbanduhren, frustrierte Gesichter, wohin man schaut. Dann kommt plötzlich Bewegung ins Ende der Schlange. Eine ältere Dame, die mühsam auf Krücken läuft, kommt durch die Eingangstür. Ein paar Wartende strecken die offene Hand aus und laden die Frau ein, doch ein Stück nach vorne zu rücken. "Ist das okay?", fragen sie die jeweilige Person vor ihnen. "Klar doch", nicken die so angesprochenen. Beim nächsten Wartenden wiederholt sich der Ablauf: Alle Menschen in der Schlange - Männer, Frauen, Deutsche und Migranten - sie alle lassen die alte Dame solange vorrücken, bis sie schließlich nur noch ein paar Meter vor dem Schalter steht. Dennoch sieht es immer noch nach einer langen Wartezeit aus. Also fasst sich einer der Wartenden ein Herz, geht zum Schalter und fragt eine Postmitarbeiterin, ob sie die Dame sofort dran nehmen könnte. "Natürlich, wenn die anderen nichts dagegen haben", meint diese. "Wäre das für alle okay?", fragt der Wartende in die Runde. "Logisch!", "Na klar!", "Nur zu!", bekommt er zur Antwort zurück. Die eben noch griesgrämigen Gesichter der Menschen in der Schlange hellen sich auf, während die gehbehinderte Seniorin sich mit dankbar-verlegenem Lächeln langsam zum Schalter bewegt. Die Zeit scheint für einen Moment still zu stehen. Irgendwie will dieser warme Moment so gar nicht passen in unsere kalte Lebenswirklichkeit, in der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft als Schwäche gilt, in der nur die Harten in den Garten kommen und in der Gutmenschen und andere Weichlinge sich gefälligst hinten anstellen sollen. In unserer selbstbezogenen Welt wirkt so ein spontaner Ausbruch von Selbstlosigkeit ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Womöglich ist genau das auch die Erklärung: Wer an diesem Tag genau hinschaute, konnte nämlich lesen, welches Datum auf der Wanduhr hinter den Schaltermitarbeitern stand: 12.06.99 stand dort in digitalen Ziffern. Damit ist das Rätsel auf sensationelle Weise gelöst: Das Böblinger Postamt befindet sich ganz offensichtlich in einer Zeitblase, in der sich höfliche Manieren, Anstand und andere gute Eigenschaften konserviert haben müssen. Was mal wieder beweist: Früher war eben alles besser . . .

Heute Gestern Morgen Gleich Später?

"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf morgen", sagt der Volksmund. Streber antworten: "Heute ist das morgen von gestern!" Und Comedians und Künstler machen daraus ein Programm. Komiker Bernhard Hoecker trat kürzlich mit "Morgen war gestern alles besser" in Herrenberg auf. Kabarettist Urban Priol kommt im Dezember mit "heutemorgengestern" nach Stuttgart. "Heute ist morgen schon retro", sagt Musiker Martin Zingsheim. Pop-Star Clueso singt: "Wenn morgen gestern wär", während die Volksmusiker Die Schäfer entgegnen: "Heute ist Morgen Gestern". Star Trek-Fans wollen natürlich auch mitmischen und sagen: "Gestern, heute, morgen ist der deutsche Titel der Abschlussdoppelepisode von Raumschiff Enterprise." Der Sindelfinger Regisseur Roland Emmerich muss natürlich alles übertreiben, gibt sich nicht mit morgen zufrieden, sondern bei ihm muss es gleich "The Day after Tomorrow", also übermorgen sein. Der Bonbon-Fabrik ist das alles egal: Sie lebt im Morgen von Gestern, dem Gestern vom nächsten Tag, dem In-14-Tagen von vor zwei Wochen, dem Später von Gerade eben - also im Hier und Jetzt.

Alles in Butter?

Doch die Zukunft mit all ihren Modernitäten macht auch vor dem Landratsamt nicht halt. Erst neulich im kleinen Sitzungssaal zeigten sich die Kreisräte enttäuscht, als vor ihnen scheinbar trockene Brezelhälften lagen - ohne Butter. Schnell kam das Gerücht auf, man wolle den Bürgervertretern aus Kostengründen die Butter von der Brezel nehmen. Doch weit gefehlt: Man habe nur den Lieferanten gewechselt, zerstreute Landrat Roland Bernhard alle Sorgen. Der neue streiche die Butter nicht mehr nach alter Bäckertradition von Hand auf, sondern injiziere sie auf wundersam mechanische Weise ins Brezelinnere. Baff von so viel Raffinesse bissen die Räte in den knusprigen Snack und siehe da: Die Butter war noch da.

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