Gericht: Böblinger geht messerscharf an Katastrophe vorbei

Ein 21-jähriger Böblinger steht vor dem Amtsgericht, weil er Polizisten mit einem Messer bedroht und Kreditbetrug begangen hat

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    Eine Stuttgarter Nacht endete vor dem Böblinger Amtsgericht Foto: Thomas Bischof

Artikel vom 19. März 2019 - 15:42

Von Jan-Philipp Schlecht

BÖBLINGEN/STUTTGART. Die Schwere seiner Tat scheint Mesut K. (Name geändert) nicht ganz bewusst zu sein. Auch nicht, wie knapp er am 9. Mai 2017 einer Katastrophe entgangen ist. Doch eins nach dem anderen. Der 21-jährige Böblinger sitzt am gestrigen Dienstag recht unbeteiligt auf der Böblinger Anklagebank und kaut grinsend an seinen Nägeln, als die Staatsanwältin ihre Anklageschrift herunterrattert. Dem Hauptschulabbrecher werden sowohl vorsätzlicher Kreditbetrug, als auch Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte zur Last gelegt. Beide Taten haben im Prinzip nichts miteinander zu tun, fanden aber jeweils im April und Mai 2017 statt.

Der Böblinger ist zur Tatzeit 19 Jahre alt und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er wohnt mit seinen drei jüngeren Geschwistern noch bei seinen Eltern, erhält von ihnen sogar zusätzlich zu seinen unregelmäßigen Einkommen eine monatliche Unterstützung zwischen 150 und 200 Euro. Doch K. scheint das nicht zu genügen, weswegen er bei der SWK Bank im Internet einen Kredit über 22 000 Euro beantragt. Schon ahnend, dass sein mageres Monatssalär von rund 1200 Euro dafür kaum ausreichen würde, fälscht er eine Gehaltsabrechnung, die die Bank als Nachweis seines Einkommens verlangt.

Dabei geht er "durchaus mit krimineller Energie" vor, wie Amtsrichter Ralf Rose ihm später bescheinigen wird: K. gelangt an die Gehaltsabrechnung eines Bosch-Mitarbeiters und fügt am Computer einfach seinen Namen in die Adresszeile ein. Allerdings lässt er es dabei bewenden und verändert sonst keine Angaben auf dem Gehaltszettel. Das soll den Schwindel auffliegen lassen. Vor Gericht ist ein Mitarbeiter aus dem Prozessmanagement der SWK Bank als Zeuge geladen. Dort ist gleich aufgefallen, dass die Sozialversicherungsnummer nicht mit dem Geburtsdatum von K. zusammenpasst. Bei einer genaueren Prüfung traten auch andere Ungereimtheiten auf, weshalb die Bank den Kredit verwehrte und die Polizei in Böblingen verständigte.

Die U-Bahnfahrerin holt die Polizei

Rund zwei Wochen später begeht Mesut K. einen weiteren folgenschweren Fehler, der ihn beinahe das Leben kostet, wie Richter Rose ihm deutlich ins Gewissen redet. In Stuttgart geht K. mit Freunden feiern, trinkt "sechs Jack Daniels mit Cola", erinnert er sich vor Gericht. Davon wird ihm übel, er verlässt die Kneipe - und das Unheil nimmt seinen Lauf. Weil ein Freund nicht wie verabredet auftaucht, streift K. betrunken durch die Stuttgarter Nacht. In einer U-Bahn fuchtelt er mit einem Messer herum, weswegen die U-Bahn-Fahrerin die Polizei verständigt.

Am Hölderlinplatz steigt K. aus, wo ihn kurz darauf die alarmierte Polizeistreife antrifft. Die Beamten nähern sich, entdecken das Messer in seiner Hand. "Als er noch etwa zehn Meter entfernt war, haben wir ihn aufgefordert, die Waffe fallen zu lassen und sich hinzulegen", erinnert sich der Polizist vor Gericht. Doch K. reagiert aggressiv, sagt, er müsse sich sonst übergeben und läuft mit ausgestrecktem Messer auf die Beamten zu.

Diese zücken jetzt ihre Dienstwaffe, richten sie in "entschlossener Schießhaltung" auf K. wie der Beamte sagt. Erst als die Polizisten "Messer weg, letzte Aufforderung" rufen und K. nur noch wenige Meter von ihnen entfernt ist, wirft er sein Messer weg und ergibt sich. Die Polizei legt K. sofort Handschellen an und bringt ihn - unter erheblichem Widerstand - aufs Revier.

"Sie können von Glück sagen, dass Sie noch hier sitzen", sagt der Amtsrichter nach der Beweisaufnahme. "Jeder hier im Gerichtssaal hätte Verständnis dafür gehabt, wenn die Polizisten geschossen hätten." In anderen Ländern wäre dies vermutlich schon viel früher passiert. K. hätte sein Leben "der sehr guten Ausbildung der Polizeikräfte zu verdanken." Mesut K. nimmt das zur Kenntnis, wirkt trotz der klipp und klaren Ansage des Richters noch immer abwesend.

Das ändert sich auch nicht, als Rose kurz darauf das Urteil verkündet: Eineinhalb Jahre auf Bewährung und 2000 Euro Geldstrafe in zehn Monatsraten sowie Sozialtraining. Bei der Begründung findet Rose ebenfalls klare Worte: "Würde ich Sie hier nur mit sozialen Arbeitsstunden davonkommen lassen, würde mir die Hand abfaulen." Mildernd kommt für den Angeklagten hinzu, dass er noch unter das Jugendstrafrecht gestellt wird. Trotz seiner 21 Jahre sei er "in der Reife verzögert" und daher nicht einem Erwachsenen gleichzustellen. Außerdem habe er sich seit den Taten im Frühjahr 2017 nichts mehr zu Schulden kommen lassen und auch den Alkohol nach eigener Aussage sein lassen.

Trotz der schweren Tatvorwürfe kommt K. noch einmal mit dem Schrecken davon. Das allerdings scheint ihm vor Gericht nicht in letzter Konsequenz klar sein. Er schüttelt noch immer ungläubig den Kopf als Rose die Verhandlung schließt.

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