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Keine Milde für die Laufburschen

Schöffengericht schickt zwei junge Männer ins Gefängnis, die als Kuriere einer Falsche-Polizisten-Bande tätig waren

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Weil es beim ersten Mal so gut geklappt hat, versuchten falsche Polizisten ihr Opfer gleich ein zweites Mal zu melken. Das war zwischenzeitlich aufgewacht. Als die Laufburschen der Betrügerbande wieder aufkreuzten, wartete schon die Polizei auf sie. Jetzt muss der eine zweieinhalb Jahre, der andere 16 Monate hinter Gitter.

Artikel vom 10. März 2019 - 16:24

Von Werner Held

BÖBLINGEN/SINDELFINGEN. Am 16. September 2018 gegen 19 Uhr erhält Anneliese F. (Namen geändert) einen Anruf. In ihrer Nachbarschaft unterhalb des Sindelfinger Krankenhauses würden Einbrecher ihr Unwesen treiben, erzählen zwei Männer, von denen sich einer als Polizist, der andere als "Staatsanwalt Bader" ausgibt, der 87-Jährigen. Einen der Spitzbuben habe die Polizei gefasst. Und sie habe bei ihm einen Zettel mit möglichen weiteren Einbruchsopfern gefunden. Auf dem Papier stehe auch der Name Anneliese F. Wenn sie Geld und Wertgegenstände, die sie zu Hause aufbewahre, nicht in Gefahr bringen wolle, müsse sie sie der Polizei übergeben. Deren Kurier melde sich tags darauf.

Die Anrufer, die natürlich keine Polizeibeamten und keine Staatsanwälte, sondern Verbrecher sind, die davon leben, alte Leute abzuziehen, halten ihr Opfer bis 2 Uhr nachts am Telefon. Anderntags geht der Telefonterror ab 7.30 Uhr weiter. Anneliese F. nimmt das Geschwätz der falschen Polizis-ten für bare Münze und packt die Münzsammlung ihres verstorbenen Mannes in einen Koffer. Den hievt sie in den Kofferraum ihres Autos und fährt zum Übergabepunkt in der Würmstraße, der ihr am Telefon genannt wird. Kaum ist sie dort, kommt auch schon der avisierte "Herr Schneider" auf sie zu. Er hilft ihr, den schweren Koffer auszuladen, nimmt ihn an sich und schreitet durch den Dronfieldpark davon. Wohin er geht, kann Anneliese F. nicht erkennen, da Büsche und Bäume die Sicht verdecken.

"Eigentlich war ich erleichtert", sagt die mittlerweile 88-Jährige vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Böblingen aus. Sie meint damit vor allem, dass sie der nervenden Telefoniererei entronnen war. Als sie nach Hause kommt, spricht sie ein Nachbar auf die schwere Last an, mit der sie kurz zuvor das Haus verlassen hat. "Da sind mir die Augen aufgegangen", sagt die Seniorin. Dass sie falschen Polizisten auf den Leim gegangen ist, sei ihr heute unverständlich. Der Nachbar informiert die richtige Polizei. Die Münzen, die laut deren Ermittlungen "mindestens 2848,02 Euro", nach Angaben des Opfers "eine niedere Zahl mit sechs Nullen" wert sind, sind zwar auf Nimmerwiedersehen weg. Doch weil die Täter so dreist sind, ihr Opfer weiter zu melken, gelingt es den Beamten, den Abholern eine Falle zu stellen.

Angeklagte sagen aus Angst vor Hintermännern zur Sache nichts aus

Anneliese F. tut so, als ob sie in einem Bankschließfach vier Kilogramm Gold verwahre. Anderntags fährt sie zur Bank und verlässt sie kurz darauf mit einer schweren Tasche. Wieder wollen sie die Betrüger zu einem Übergabepunkt in der Stadt lotsen. Das lehnt die alte Dame ab. Schließlich wird sie geheißen, die Tasche vor ihrer Haustür abzustellen. Fahnder haben längst den VW Golf im Visier, von dem aus zwei junge Männer die Gegend erkunden. Als einer von ihnen nervös um sich schauend auf Anneliese F.'s Haus zugeht und die Tasche mit dem vermeintlichen Gold greift, schlägt die Polizei zu. Nach kurzer Flucht ringen die Beamten den Mann nieder. Als sein Komplize abhauen will, gerät er in eine Sackgasse, wo er ebenfalls festgenommen wird.

Den Goldkurier identifiziert Anneliese F. als jenen Mann, der ihr tags zuvor schon die Münzsammlung abgenommen hat. Es ist der 24-jährige Hassan H. aus Hannover. Er stammt aus Syrien, lebt seit 1999 in Deutschland und ist, wie er selbst sagt, "auf die falsche Schiene" geraten, nachdem er die Schule ohne Abschluss verlassen hatte. Eine legale Arbeit hat er nicht, doch zur Befriedigung seiner Drogen- und Spielsucht braucht er Geld. Die Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs an. Sein Komplize Sead P. (22) ist in Deutschland geboren, dann aber bei der Oma in Bosnien aufgewachsen. Seit 2011 ist er wieder in der Bundesrepublik. Nach dem Realschulabschluss hat er phasenweise gejobbt, zuletzt war er arbeitslos. Da ihm nur diese eine Kurierfahrt nachzuweisen ist, kann er nur wegen Beihilfe zum Betrug belangt werden; hinzu kommt Fahren oder Fahrerlaubnis, weil er die Reise von Hannover nach Sindelfingen zurückgelegt hat, ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein.

Zur Sache sagen die beiden Laufburschen nichts aus. Sie haben Angst vor Repressalien ihrer Hintermänner. Hassan H. räumt in einer Erklärung, die sein Verteidiger verliest, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft voll ein. Er bereue, was er getan hat, heißt es darin, er entschuldigt sich beim Opfer und bietet ihm Wiedergutmachung an. Auch Sead P. lässt einen Schriftsatz verlesen, in dem von Reue die Rede ist. Er streitet aber ab, gewusst zu haben, was Hassan H. in Sindelfingen vorhatte. Nicht einmal die Anmietung des Autos, das er gefahren hat, will er in Auftrag gegeben haben. Das Auto für die Kuriere angemietet hat der 22-jährige Yannick M. Dessen Aussage vor Gericht fällt völlig anders aus als das, was er Monate zuvor bei der Polizei angegeben hat. Der Staatsanwalt ermittelt nun wegen Falschaussage gegen ihn.

Richter Werner Kömpf spricht in der Urteilsbegründung von einer "besonders verwerflichen Straftat". Das Schöffengericht verhängt gegen Hassan H. wegen gemeinschaftlichen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Sead P. schickt es wegen Beihilfe zum versuchten Betrug und des Führerschein-Delikts für ein Jahr und vier Monate ins Gefängnis. Der hat gehofft, dass er mit einer Bewährungsstrafe davonkommt. Doch da spielt das Gericht nicht mit. "Bei diesen Taten", sagt Richter Kömpf, "kann niemand mit einer Bewährungsstrafe rechnen."

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