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Dürfen heißt nicht Können

Von Sandra Schumacher

Artikel vom 08. März 2019 - 16:00

"Frauen dürfen in Deutschland doch alles, was Männer auch dürfen, jetzt lasst es doch endlich gut sein." Wenn frau sich heutzutage als Feministin outet, schlägt ihr eher früher als später dieser Satz entgegen. Und grundsätzlich ist der erste Teil davon ja auch nicht falsch. Schließlich haben unsere Vorfahrinnen erbittert für gleiche Rechte gekämpft und sind dafür mitunter auf dem Scheiterhaufen oder der Guillotine gelandet.

Aber dürfen heißt eben noch lange nicht können. Und mit "können" ist nicht etwa die Qualifikation gemeint, denn Frauen in Deutschland sind heute so hoch qualifiziert wie nie zuvor. Vielmehr bedeutet es, dass wir noch immer über unzählige Hürden springen müssen, während weiße, privilegierte, heterosexuelle Männer in Beruf und Politik weitestgehend freie Bahn haben. Jene Männer, die nicht in diese Kategorie fallen und sich nicht in typische Geschlechterrollen pressen lassen wollen, gehören übrigens oftmals zu den Unterstützern des Feminismus.

"Aber wir haben doch sogar eine Bundeskanzlerin. Was wollt ihr denn noch?" Zum Beispiel, dass der Frauenanteil im Bundestag von aktuell 30,7 auf 50 Prozent steigt. Denn das wäre schließlich gerecht. In den Vorständen der deutschen Wirtschaftsunternehmen sieht es noch schlimmer aus: Laut "Statista" lag der Frauenanteil in den Top 200 Unternehmen 2018 bei 9 Prozent. Ob Männer sich im umgekehrten Fall wohl ausreichend repräsentiert fühlen würden? Oder würden sie eher hinter vorgehaltener Hand witzelnd von einem "Amazonen-Zirkus" sprechen?

Gründe für diese katastrophalen Quoten gibt es viele. Beispielsweise führen veraltete Rollenbilder dazu, dass Frauen häufig weniger ernst genommen werden und ihnen der Weg zu den angestrebten Positionen verwehrt bleibt. Nur zwei Beispiele: Es gehört zum beruflichen und politischen Alltag, dass Männer laut polternd in hitzigen Diskussionen ihren Standpunkt vertreten, wohingegen Frauen, die die Stimme erheben und ihren Ansatz verteidigen, gerne unterstellt wird, sie seien zickig oder gar hysterisch.

Außerdem neigen Führungskräfte dazu, ihr eigenes Spiegelbild zu fördern. Ein Teufelskreis, der viele Frauen dazu zwingt, bessere Leistungen für die gleiche Anerkennung bringen zu müssen.

Abhilfe schaffen paritätische Listen und eine Frauenquote. Und nein, es geht nicht darum, dass wir einen Job oder ein Amt nur aufgrund unseres Geschlechts bekommen wollen. Sondern dass bei gleicher Qualifikation (!) so lange Frauen eingestellt und eingesetzt werden, bis die Verteilung gerecht ist. Die Hoffnung, die Verhältnisse würden sich von selbst regulieren, darf erfahrungsbedingt getrost an den Nagel gehängt werden.

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