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Afghane vor Gericht: Weder Reue noch Einsicht gezeigt

Gericht ist überzeugt, dass ein 62-jähriger Afghane seine Tochter zu einer falschen Beschuldigung gegen ihren Freund nötigen wollte

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    Der große Sitzungssaal im Amtsgericht Böblingen: Wer wie Hamid S. auf einem der vier Angeklagtenstühle rechts sitzt, hat schlechte Karten, wenn er den Eindruck erweckt, über den Gesetzen zu stehen Foto: Thomas Bischof

"Da haben Sie den Kopf gerade noch mal aus der Schlinge gezogen", redete Richter Rose Hamid S. ins Gewissen. Nur mit "viel gutem Willen" setzte das Jugendschöffengericht die Freiheitsstrafe zur Bewährung aus, die es gegen den 62-jährigen Afghanen verhängt hat, weil er seine Tochter dazu nötigen wollte, dass sie ihren Freund wegen Vergewaltigung anzeigt.

Artikel vom 06. März 2019 - 12:30

Von Werner Held

BÖBLINGEN. Am 29. November 2018 kurz vor Mitternacht nimmt Hamid S. (Namen geändert) seine Tochter Amina ins Gebet. Die 16-Jährige unterhält sehr zum Missfallen des Vaters eine Beziehung zu einem 28-jährigen Landsmann. Offenbar sind die beiden auch intim geworden. Erst verlangt der Vater, dass das Paar heiratet und bei ihm einzieht. Das lehnt die Tochter ab. Daraufhin drängt der 62-Jährige, der in Afghanistan als Straßenbauingenieur gearbeitet hat und 2015 vor den Taliban nach Deutschland geflohen ist, die Tochter dazu, den Freund bei der Polizei anzuzeigen und zu behaupten, er habe sie vergewaltigt. Andernfalls, droht Hamid S. seiner Tochter, schicke er sie nach Afghanistan, wo sie keiner finde. Auch der Satz "Sonst werde ich dich töten" soll in dem Disput gefallen sein.

Doch ehe die Tochter anderntags von ihren Eltern zur Polizei eskortiert werden kann, offenbart sich das Mädchen in der Schule ihrer Klassenlehrerin und der Schulleiterin. "Ihr war klar, dass sie bei der Polizei keine falschen Angaben machen darf", sagt die Rektorin vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Böblingen aus. Auf der anderen Seite aber habe sie sich auch nicht den Forderungen ihrer Familie widersetzen wollen. Die Schulleiterin greift zum Telefon und meldet den Vorfall der Polizei.

Als die Familie S. beim Polizeirevier Böblingen auftaucht, wird der Polizistin, die sie empfängt, schnell klar, dass Amina S. in Gegenwart ihrer Eltern nichts sagen will. "Ich hatte den Eindruck, dass es ihr unangenehm ist und dass sie Angst hat", berichtet die Kommissarin dem Gericht. Was sie aus der 16-Jährigen herausbringt, ist eher eine Anzeige gegen den eigenen Vater als gegen den Freund. Mit dem Telefonat der Rektorin ergab das für sie "ein stimmiges Bild".

Der Mann, dem die Staatsanwaltschaft versuchte Beteiligung an einer Freiheitsberaubung und versuchte Nötigung vorwirft, weist jegliche Schuld von sich. "Ich habe nie mit Gewalt oder Druck über meine Kinder bestimmt", lässt er die Dolmetscherin übersetzen. Es sei Aminas Wunsch gewesen, zur Polizei zu gehen; er und seine Frau hätten sie lediglich dorthin begleitet. Welcher Straftat sie ihren Freund habe bezichtigen wollen, wisse er nicht, sagt der 62-Jährige: "Das müssen Sie meine Tochter fragen." "Sie wollen mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass Sie mit Ihrer Tochter zur Polizei gehen, ohne zu wissen warum?!", lässt Richter Ralf Rose durchblicken, was er vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage hält. Gar nicht lustig findet der Richter auch, dass der Angeklagte die Drohung gegenüber seiner Tochter "Sonst werde ich dich töten" als in Afghanistan übliche Redewendung abzutun versucht, die man "gar nicht so meint".

Richter: "Ihre Tochter leidet nach wie vor unter den Ereignissen"

Amina S. macht vor Gericht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. "Fehler passieren. Manchmal gibt es auch in der Familie Missverständnisse", sagt sie vieldeutig. Dann kommt zum Unmut des Richters heraus, dass sie vor der Verhandlung Kontakt zum Verteidiger ihres Vaters hatte. Ziel der Unterredung sei es gewesen, "dass die Sache nicht zum Gericht kommt".

Dann unterbricht Richter Rose die Verhandlung. Hamid S.'s Rechtsanwalt rät er, die Pause zu nutzen, um seinem Mandanten klarzumachen, was für ihn auf dem Spiel steht. Der Richter redet Tacheles: Angesichts der "gesinnungsfeindlichen Einstellung zur deutschen Rechtsordnung", die der Angeklagte an den Tag lege, wisse er nicht, ob am Ende noch eine Bewährungsstrafe angemessen sei. Die Staatsanwältin kündigt an, dass sie auf jeden Fall eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung beantragen werde.

Als das Gericht wieder in den Saal kommt, wirkt der Verteidiger ratlos. "Trotz Dolmetscherin ist die Verständigung schwierig", sagt er - und fügt hinzu: "Ich habe nicht das Gefühl, dass mein Mandant das Problem versteht." Hamid S. tut kund, dass er die "Vorwürfe akzeptiert". Dem Richter ist das zu wenig. Er erwartet, dass der Angeklagte die Tatvorwürfe ohne Wenn und Aber einräumt. "Wenn Sie sagen, dass ich das getan habe, sage ich halt, dass ich das getan habe", gibt Hamid A. schließlich zu Protokoll. Die Staatsanwältin macht ihre Ankündigung wahr und beantragt, Hamid S. ein Jahr und drei Monate ins Gefängnis zu stecken. Der Verteidiger hält eine Bewährungsstrafe für angemessen, schließlich habe sich sein Mandant zum ersten Mal etwas zuschulden kommen lassen. Er sei lediglich "ein besorgter Vater", der "unnötig kriminalisiert wird". So ganz unbeteiligt, wie S. bisher gewirkt hat, ist er nach den Plädoyers nicht mehr. "Ich kann nicht mehr", schluchzt er mit tränenerstickter Stimme.

Das Jugendschöffengericht verhängt eine Haftstrafe von einem Jahr - und setzt sie zur Bewährung aus. Obendrauf gibt es noch 100 Stunden gemeinnützige Arbeit. "Natürlich ist ein Vater nicht begeistert, wenn seine 16-jährige Tochter mit einem 28-jährigen Mann anbandelt", greift Richter Rose ein Argument des Verteidigers auf. "Aber die Frage ist, wie er darauf reagiert." Und die Grundlage dieser Reaktion könne nicht die Scharia, sondern müsse das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sein. Das Gericht habe beide Augen zudrücken müssen, um S.'s "Formalgeständnis", das "weder von Reue noch von Einsicht getragen ist", als Bewährungsgrund gelten zu lassen. "Ihre Tochter leidet nach wie vor unter den Ereignissen", hält der Richter dem Angeklagten vor. "Sie haben als Vater vollkommen versagt, wenn Sie das so weiterlaufen lassen und Ihre Tochter weiterhin Angst vor Ihnen haben muss."

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