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"Kümmert euch um die Kinder"

Der Kinderpsychologe Harald Karutz hat beim Roten Kreuz in Böblingen eine Fortbildung angeboten

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    Kinder bedürfen besonderer Betreuung, wenn sie in Unfälle verwickelt oder von Katastrophen betroffen sind Foto: Archiv

Auf landesweite Resonanz stieß die vom DRK-Kreisverband Böblingen veranstaltete Fortbildungsveranstaltung "Kindernotfälle", bei der es um Psychosoziale Notfallversorgung bei Einsätzen mit Kindern ging. Referent für dieses hochsensible Thema war der Kinderpsychologe Harald Karutz.

Artikel vom 28. Februar 2019 - 13:00

BÖBLINGEN (red). Den rund 100 aus dem ganzen Land ins DRK-Zentrum auf dem Flugfeld Böblingen-Sindelfingen angereisten Ehrenamtlichen aus dem Bereich der Notfallnachsorge und des Rettungsdienstes wurde ein umfassendes Tagesprogramm geboten, das von Einsätzen mit Kindern über Großschadenslagen mit vielen Kindern, der Evaluation der Psychosozialen Notfallversorgung nach dem Amoklauf von Winnenden vor zehn Jahren bis hin zu Gruppengesprächen mit Kindern reichte. "Erste Hilfe für die Kinder-Seele" hatte Harald Karutz die gesamte Thematik überschrieben.

Über 40 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die Geistlichen eingeschlossen, sind im Notfallnachsorge-Dienst (NND) des DRK-Kreisverbandes Böblingen rund um die Uhr einsatzbereit, wenn es gilt, Menschen und deren Angehörigen beizustehen, die von unerwarteten schweren Schicksalsschlägen betroffen sind. Das war im vergangenen Jahr über 100 Mal der Fall. "Daraus kann man ersehen, wie wichtig diese Einrichtung ist, die einen der Schwerpunkte im DRK-Kreisverband Böblingen darstellt", unterstrich DRK-Präsident Michael Steindorfner.

Steindorfner sagte 420 Millionen Kinder lebten weltweit in Krisen- und Kriegsgebieten und müssten beispiellose Grausamkeiten über sich ergehen lassen. Das Rote Kreuz könne zwar nicht die Welt retten, aber Gutes tun und setze mit seinen Einsätzen ein Zeichen der Mitmenschlichkeit und leiste einen Beitrag zu einer humanen Gesellschaft. Vieles, was gerade in der Notfall-Nachsorge von DRK-Ehrenamtlichen getan werde, "könnte ein Staat nie leisten."

Harald Karutz, der in Essen ein eigenes Notfallpädagogisches Institut leitet und unter anderem auch eine Professur in Hamburg innehat, hat neben seiner wissenschaftlichen Praxis auch reiche Erfahrungen als Rettungssanitäter und Notfallseelsorger sammeln können. Auf Grund eines persönlichen Erlebnisses im Rettungsdienst, als ein Vater einen plötzlichen Herztod erlitt und die beiden Kinder aus dem Zimmer gewiesen wurden, hat er den Entschluß gefasst, sich mit der breiten Thematik "Erste Hilfe für die Kinder-Seele" beruflich zu befassen. In seiner Doktorarbeit hat er 96 Kinder im Alter zwischen vier und 16 dazu interviewt, wie sie jeweils Notfälle erlebt haben.

Kinder in Notfällen - dieses breite Spektrum behandelte Karutz beispielhaft bei einem Schulbusunfall, bei einem Schüler, der mit Insektengift besprüht wurde, bei selbst verursachtem Notfallgeschehen ("eine spezielle Herausforderung") oder bei der medialen Vermittlung etwa bei Tsunamis, dem Geschehen in Fukushima sowie den Terroranschlägen in New York und Washington am 11. September 2001. Solche und andere posttraumatischen Belastungen seien insbesondere bei Kindern sehr hoch.

Wie ein Kind mit einem Notfall umgehe, hänge mehr vom subjektiven Erleben des Kindes und den Begleitumständen ab, weniger dagegen von der objektiven Schwere des Notfalls. Für Kinder seien viele Erfahrungen neu und daher intensiver, sie hätten keine vergleichbaren Vorerfahrungen, auf welche sie zurückgreifen könnten. Daher sei es wichtig, Kinder zu begleiten und über das, was gerade passiert, zu informieren, sie ernst zu nehmen und Fragen ehrlich zu beantworten. Neben weiteren möglichen Interventionen wies er vor allem auch auf die Unterstützung der Eltern hin. "Deshalb mein Appell: 'Kümmert euch um die Kinder, nehmt sie ernst!'"

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