Der Baumann kann auch lustig

LAUFzeit 2019: Ehemaliger Olympiasieger aus Tübingen amüsiert das Publikum bestens

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    Dieter Baumann in seinem Element: Laufend und quasselnd unterhielt er die Zuschauer, die von seinen Kleinkunst-Fähigkeiten begeistert waren

Artikel vom 20. Februar 2019 - 17:12

Von Sandra Langguth

BÖBLINGEN. Was kann denn der Dieter Baumann außer laufen? Lustig sein! Das fanden zumindest die zahlreichen Besucher der LAUFzeit-Infoveranstaltung am Dienstagabend im Forum der Kreissparkasse Böblingen, die sich köstlich darüber amüsierten, wie der ehemalige Olympiasieger über 5000 Meter im Rahmen seines neuesten Kabarettprogramms die Läuferszene, aber vor allem auch sich selbst auf die Schippe nahm. Auf einem Laufband trabend durchlebte er noch einmal seinen Start beim 100-Kilometer-Lauf von Biel und ließ die Zuschauer bei dieser "Nacht der Nächte" an sämtlichen Höhen und Tiefen teilhaben.

Baumann, der eher auf den kurzen Strecken daheim war, stellte erstmal klar, warum er 2002 bei seinem Marathon-Versuch in Hamburg bei Kilometer 28 ausgestiegen ist. "Als mich irgendwann drei überholt und mir alle zur Aufmunterung auf den Arsch gehauen haben, hab' ich mir überlegt, wie viele denn da in Hamburg am Start waren." In der Öffentlichkeit hätte man ihn dafür hinterher verrissen. "Baumann, man hört doch kein Rennen auf, man läuft bis man stirbt!", äffte er die Reaktionen nach. Nein, er sei sich treu geblieben, habe sich auf Biel selbstverständlich mit kurzen Sprints vorbereitet und auch nix darauf gegeben, als sein persönliches Feindbild in diesem Rennen, "die Gelbsocke", sich schon am Start über ihn lustig gemacht hat. Apropos, der Start sei ein Erlebnis, das die LAUFzeit-Teilnehmer selbst noch hautnah erfahren dürfen. "Stellt euch vor, ihr steht da inmitten von tausend Leuten, Schulter an Schulter, wartet auf den Startschuss. Dieser Schweißgeruch!" Die meisten im Publikum wussten ganz genau, wovon Baumann da sprach, und waren sogleich mittendrin in der Szenerie. "Es war dunkel, nass und kalt. Es hat 100 Kilometer lang geregnet, geregnet, geregnet."

Baumann nahm die Gäste mit auf seinen Lauf, erzählte vom Gelächter, als man den ersten Kilometer erreichte. "Nur noch 99!", habe einer geschrien. Einen gemütlichen 5er-Schnitt hatte er sich für die 100 Kilometer vorgenommen. "Da hab' ich dann ausgerechnet - den Marathon in 3:30 Stunden, im Ziel nach 8:20 Stunden. Ich wär' im Hotel der Erste am Frühstücksbuffet." Immer wieder schweifte der 54-Jährige ab, zitierte in besinnlichen Phasen aus dem Buch "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" oder hüpfte kurzerhand vom Laufband, um dieses quer zum Publikum zu stellen, damit es seinen zum Teil akrobatischen Einlagen besser folgen konnte. "In Sachen Laufstil gibt es ja die unterschiedlichsten Theorien", plauderte er drauflos, während er erst mini Trippelschritte in höchster Frequenz nachahmte, um dann "so raumgreifend wie möglich" dahinzuschreiten. "Kennt ihr diese Vorfußläufer?", fragte er tänzelnd auf dem sich stets weiterbewegenden Untergrund, vollführte zu Musik aus dem Dschungelbuch Kniehebelläufe, einen Hampelmann und drehte sich elegant um die Achse. Immer wieder band er auch das Publikum mit ein, hatte sich dafür mit Olaf Nordmann und Matthias Klingel zwei ehemalige KRZ-Laufteam-Mitglieder herausgepickt. "He Matze, ein Marathon ist in Biel gar nix", beschrieb der Tübinger plastisch, wie nach 42,195 Kilometern mitten in der Nacht ein aufgeblasener Torbogen aus dem Nichts auftauchte. "Keine Fans, keine Zuschauer, keine Musik." Bei Kilometer 60 begegnete er wieder der "Gelbsocke". Schwer hustend und rotzend sei ihm der neonkompressionsbestrumpfte "Aufschneider" auf dem neun Kilometer langen Ho-Chi-Minh-Pfad dicht auf den Fersen geblieben, um dann an ihm vorbeizuziehen. Baumann spielte nun den Nachrichtenbeitrag ein, in dem verkündet wurde, dass er wegen seiner manipulierten Zahnpasta gesperrt und sofort von den Olympischen Spielen in Sydney abreisen wird. Anhand eines Bildes mit verschiedenen Bausteinen demonstrierte er, wie er sich im Leben mehrfach neu erfinden musste.

Während des eineinhalbstündigen Programms 7,5 Kilometer gelaufen

"Durch Zufall bin ich dann zur Kleinkunst gekommen", verriet er, und spannte die Zuschauer nicht länger auf die Folter, denn die wollten schließlich wissen, ob er es in Biel ins Ziel geschafft hat. Schleichend schleppte er sich weiter bis Kilometer 90, kam dann in einen Flow. "Wenn ich nicht dran denke dass ich laufe, dann gewinn ich jedes Mal", wurde er am Ende nochmal philosophisch. Wenige Sekunden nach der "Gelbsocke" erreichte er das Ziel, lag sich am Ende sogar mit ihm in den Armen. Das Publikum sparte nicht mit Beifall, sog auch die unaufgeforderte Zugabe dankbar auf und war natürlich genauso neugierig wie KRZ-Chefredakteur Jan-Philipp Schlecht, wie viele Kilometer denn in den eineinhalb Stunden nun zusammengekommen waren. "7,5", verriet Baumann.

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