Anzeige

Bei der Schnippeldisco kommen gerettete Lebensmittel in den Kochtopf

  • img
    Fleißig schneiden die Gäste der Schnippeldisko das gerettete Gemüse und Obst - Was heute gegessen wird, ist noch eine Überraschung Foto: Bischof

Lebensmittel wegwerfen, weil sie nicht schön genug oder ein paar Tage über dem Haltbarkeitsdatum sind - das kommt den Besuchern der Schnippeldisko nicht in die Tüte. Hier wird gegessen was auf den Tisch kommt: Auch die zweibeinigen Karotten und die verbeulten Äpfel.

Artikel vom 05. Februar 2019 - 17:00

Von Isabelle Zeiher

BÖBLINGEN. Lautes Stimmengewirr in der kleinen Küche der Kita am Flugfeld. Die Initiative Essbare Stadt Böblingen lädt zur Schnippeldisko. Um die zehn Leute stehen um einen großen Aluminium-Tisch herum. Ein paar von ihnen tragen bunte Schürzen, die anderen sind mit Schneidebrett und scharfen Messern bewaffnet. Alle Augen sind auf die Arbeitsplatte gerichtet, auf der sich eine Menge Gemüse und Obst zusammengefunden hat: Orangen, Äpfel, Karotten, Paprika, Fenchel, Pastinaken. Das besondere an den Naturalien? Sie haben es nicht in die Ladentheke geschafft - sind entweder zu krumm, zu dick, zu fleckig oder haben Auswüchse, wo keine sein sollten.

An diesem Abend werden Lebensmittel nicht diskriminiert. Die Veranstalter haben das Obst und Gemüse vor dem Mülleimer gerettet. Die ramponierten Pflanzen sind jetzt die Stars. Das Aussehen, die Form oder die Farbe sind egal. Alles, was da ist, wird gegessen. Das Konzept der Schnippeldisko, gerettete Lebensmittel zu verarbeiten und dabei Musik zu hören, ist in der Slow-Food-Szene weltweit bekannt. In Böblingen gab es diese Veranstaltung bis vor wenigen Jahren noch nicht. "Das fanden wir schade und haben deswegen mit foodsharing.de gemeinsam dieses Event auf die Beine gestellt", sagt Rainer Marekwia, einer der fünf Organisatoren. "Die Lebensmittel haben wir vom Reformhaus Klett und von Naturgut und Feinkost Vitamin B", erklärt sein Kollege Hubert Bohner. "Normalerweise reicht uns das gestellte Gut", meint Marekwia, "heute war leider zu wenig da. Wir mussten zusätzliche Lebensmittel kaufen."

Den eigenen Sinnen vertrauen, nicht der Zahl auf der Packung

Manche Gäste unterstützen mit selbst mitgebrachten - teilweise abgelaufenen - Restposten aus dem Kühlschrank. Da wäre zum Beispiel die Kokosmilch mit dem Haltbarkeitsdatum November 2017. Entsorgt wird sie deshalb nicht - die sei noch gut, heißt es. "Menschen halten sich teilweise blind an das aufgedruckte Haltbarkeitsdatum", erklärt der 39-jährige Daniel, "dabei haben wir alle einen Geschmacks- und Geruchssinn, nachdem man entscheiden sollte." Ute Lehner sieht das genauso. "Ich kaufe öfter Lebensmittel, die drüber sind", sagt die 51-Jährige, "das Schlimmste, was einem passieren kann, ist ein bisschen Bauchweh."

Inzwischen stehen bereits zwanzig Menschen um das Gemüse herum und diskutieren, was gekocht werden soll. Rezepte gibt es keine. Es weiß ja niemand im Voraus, welche Lebensmittel gerettet werden. Was letztendlich auf den Tisch kommt, ist eine Überraschung. Vegan soll es an diesem Abend sein. "Wie wäre es mit Curry", klingt es aus der einen Ecke, "Fenchel passt da aber nicht so gut rein", hört man aus der anderen. Gemüse und Obst werden nach links und rechts verschoben. Nahrungsmittel zu kleinen Themenhäufen gestapelt.

Nach einigen Überlegungen steht das Menü. Vorspeise: Gebratene Pilze mit Zwiebeln und Rucola, anschließend Fenchel-Orangen-Apfelsalat und daneben bunter Salat mit Endivien und Paprika oder ein Rucola-Salat. Die Hauptspeise bildet ein Gemüseeintopf. Gemacht aus einem bunten Potpourri aus unter anderem Wirsing, Kartoffeln, Möhren und Pastinaken. Alternativ gibt's ein Gemüse-Curry in Kokosmilch. Die Leckermäuler bekommen zum Abschluss Obstsalat mit Soja-Mandelcreme. Nachdem der Plan steht, läuft alles wie von selbst. Kleine Teams bilden sich und begleitet von lauten Gesprächen und ausgelassenem Lachen werden die Zutaten gewaschen, geschnippelt, gekocht und angebraten.

Der Eintopf blubbert vor sich hin. Die Zwiebeln brutzeln in der Pfanne. Die Musik plätschert im Hintergrund. Geht in der Geräuschkulisse unter, aber das stört niemanden. Das Miteinander, die gemeinsame Zeit unter Gleichgesinnten und Interessierten - das steht im Mittelpunkt der Veranstaltung. Manche sind zum ersten Mal dabei, haben zufällig von der Veranstaltung erfahren, andere haben beinahe keine Schnippeldisko verpasst, sind Fans der Veranstaltung und immer wieder mit von der Partie. Alt trifft auf Jung - die Älteste ist 74 Jahre alt, der Jüngste erst anderthalb.

Die 64-jährige Annemarie Haug ist zum vierten Mal dabei: "Es ist einfach wichtig, Lebensmittel wertzuschätzen." Wegwerfen ist ein No-Go. Diese Meinung vertreten alle Gäste, die heute mitkochen. "Ich kaufe nur so viel ein, wie wir brauchen, und wenn etwas übrig bleibt, gibt's Reste", beschreibt Ute Lehner. Die 36-jährige Mutter Christina hat einen anderen Tipp: "Wenn ich merke, dass Nahrungsmittel kurz vorm Kippen sind, mach ich sie einfach haltbar. Gemüse und Obst werden dann zu einer Gewürzpaste oder zu Eis."

In der Küche fängt es an zu duften. Über der Herdplatte dampft es leicht - der Eintopf ist in seinen Endzügen. Der würzige Currygeruch trifft den der angebratenen Pilze. Steigt in die Nasen der Köche und lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Beim umrühren des Fenchelsalats verbreiten die Orangen ihr süßliches Aroma. Es wird Zeit, dass es Essen gibt. Im Gang werden Tische und Stühle aufgestellt, Teller und Besteck hergerichtet. Immer mehr Leute finden sich am Tisch zusammen. Schüsseln werden durchgereicht und Essen geschöpft. "Solche Veranstaltungen sind wichtig", sagt Organisator Rainer Marekwia, "sie sind kostenlos. Jeder kann teilnehmen. Natürlich freuen wir uns über Spenden, aber es geht darum, den Gästen das Bewusstsein für Lebensmittel nahe zu bringen."

Auf den Gesichtern der Köche steht ein zufriedenes Lächeln. Die Veranstaltung scheint gut angekommen zu sein. Das einzige Manko? "Normalerweise bleibt immer etwas übrig, deswegen war ich vorher nicht einkaufen", erzählt Daniel und lacht, "wäre ja schade, wenn man die Lebensmittelreste am Ende wegwerfen müsste."

Weitere Infos zur Initiative Essbare Stadt Böblingen: http://www.essbare-stadt-bb.de/

Verwandte Artikel