Abscheuliche Videos und Bilder von Vergewaltigung

Amtsrichter zeigt sich schockiert über die Dokumentation der Täter und verhängt Haftstrafen für das junge Renninger Trio

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Artikel vom 18. Januar 2019 - 17:24

Von Matthias Weigert

RENNINGEN/BÖBLINGEN. Meist schreibt das Leben die schlimmsten Drehbücher. Und manchmal werden die Ereignisse dann sogar noch von den Tätern selbst gefilmt. Vielleicht als Trophäe und Andenken gedacht, landen die gesammelten Abscheulichkeiten mitunter aber bei den Strafverfolgungsbehörden und können so vor Gericht sogar als Beweismaterial dienen, damit Justitia gerecht urteilen kann.

Ohne das Foto- und Filmmaterial - aufgenommen in einer guten Stube in Renningen - hätte es die Gerichtsverhandlung wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung am Donnerstag im Amtsgericht Böblingen wohl kaum gegeben. Da ist sich Richter Ralf Rose sicher. Geschweige denn die mehrjährigen Haftstrafen für die drei jungen Männer, die sich als harmlose Partygänger darstellten, welche sich leider mit einem mannstollen, sturzbetrunkenen Mädchen eingelassen hätten. Aber selbst wenn die Staatsanwaltschaft das Hauptverfahren angestrengt hätte - am Ende wäre Aussage gegen Aussage gestanden - die drei übereinstimmenden Erzählungen der vermeintlich wohlgeratenen Jungs und die eine, bruchstückhafte Erzählung des 19-jährigen Opfers. Denn die junge Stuttgarterin leidet aufgrund ihrer Volltrunkenheit am Tatabend noch immer unter Gedächtnisverlust für den Zeitraum der Tat und ist auch in psychologischer Behandlung.

Dieses Trugbild von drei netten, wohlerzogenen Jungs, das von Eltern im Zeugenstand geflissentlich bestätigt wurde, haben die während der gemeinschaftlichen Vergewaltigung selbst angefertigten Foto- und Videoaufnahmen als Lüge und Chimäre entlarvt. "Während meiner gesamten Zeit als Amtsrichter habe ich noch nie solch abscheuliches und menschenverachtendes Verhalten erlebt", begründete Rose bei der Urteilsverkündung das Strafmaß von drei Jahren und zehn Monaten für Moritz B. sowie von drei Jahren und vier Monaten für Achmed A. und Hakan K. (Vornamen geändert).

19-Jährige in schlimmster Weise missbraucht und herabgewürdigt

Der Öffentlichkeit blieben diese Abscheulichkeiten erspart. Richter, Staatsanwältin und Anwälte mussten sich allerdings im Dienste der Wahrheitsfindung zusammen mit den Angeklagten die Foto- und Filmaufnahmen anschauen, die laut Urteilsbegründung ein bewusstloses und widerstandsunfähiges Mädchen zeigten, das von den drei Männern in schlimmster Weise missbraucht und herabgewürdigt wird.

Angefangen hatte der Abend im Oktober 2017 eigentlich recht harmlos, und zwar im elterlichen Wohnzimmer von Moritz B., der einige Freunde eingeladen hatte, weil seine Eltern Essen gegangen waren. Auf dem Wohnzimmertisch standen Spirituosen und Plastikbecher. Jungs und Mädchen kamen und gingen. Die Sause nahm ihren Lauf. Noch vor Mitternacht war die 17-jährige Stuttgarterin dann allerdings mit dem zwischen 18 und 21 Jahren jungen Tätertrio allein. Sie hatte laut den Angeklagten zu diesem Zeitpunkt mindestens ein halbes Dutzend Becher mit Hochprozentigem intus.

Dann nahm das Verhängnis seinen Lauf und die Jungs nahmen das Mädchen in die Mitte. Schnell hatte die 17-Jährige keine Kleider mehr am Leib und nicht nur der Triebtäternachwuchs ging in Stellung, sondern auch ihre Handys. Die Startknöpfe wurden um Mitternacht gedrückt, wie die Uhrzeitkennung verrät. Die Stopptasten beendeten eine halbe Stunde später das dokumentierte Martyrium.

"Das Opfer war schon zu Beginn betrunken und nicht mehr Herr seines Körpers, das haben die Angeklagten ausgenutzt. Die Aufnahmen zeigen das zweifelsfrei. Mindestens zehn Minuten lang haben die drei Herren das Mädchen herabgewürdigt und gefeixt in einer Art und Weise, wie ich es noch nie erlebt habe", zeigte sich der Amtsrichter angewidert von der gemeinschaftlichen Vergewaltigung. Zuvor hatten die Anwälte von Achmed A. und Hakan K. dem Gericht noch einen Deal angeboten, nämlich ein Geständnis und 35 000 Euro als Wiedergutmachung für das Mädchen und eine Haftstrafe auf Bewährung für die beiden Angeklagten.

Während da wohl die Eltern der jungen Männer zusammengelegt hatten, um ihre Söhne freizukaufen, konnten sich Amtsrichter Rose und die beiden Schöffen nur wundern. Schließlich hatten alle drei Angeklagten vor der Beweisaufnahme ihre Unschuld beteuert. Moritz B. blieb jedoch seinem Trugbild treu bis zur Urteilsverkündung, weshalb ihm eine um einige Monate höhere Haftstrafe aufgebrummt wurde. Diese war allerdings immer noch niedriger als die vier Jahre und sechs Monate im Plädoyer der Staatsanwältin.

Doch auch dieses Strafmaß reichte für einen Tumult im Gerichtssaal während der Urteilsverkündung aus. Eine Mutter schrie lauthals und Richter Rose wurde beschimpft, und zwar aus der Gruppe der recht zahlreich erschienene Familienangehörigen heraus. Ein Rettungswagen musste anrücken, damit zwei Elternteile nach ihrem psychischen Zusammenbruch versorgt werden konnten. Die Urteilsbegründung hörten dann wohl nur noch Anwälte und Pressevertreter.

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