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Der Wehenschreiber wird 50 Jahre alt.

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50 Jahre Medizintechnik in Böblingen: Der Philips-Wehenschreiber hat die ärztliche Begleitung der Geburten revolutioniert

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50 Jahre Medizintechnik in Böblingen
Wie hat sich der Wehenschreiber, der die kleinen, leisen Herzschläge der Babys überwacht, entwickelt? Bis heute wird die Böblinger Erfindung hier produziert und in der ganzen Welt eingesetzt.
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Artikel vom 19. November 2018 - 16:54

Von Isabelle Zeiher

BÖBLINGEN. Feste Fußtritte aus dem Nichts, unruhige Bewegungen oder ein wohlig warmes Gefühl, wenn man sich mit der Hand über den immer größer werdenden Babybauch streicht - das können zukünftige Eltern von ihrem Baby während der Schwangerschaft wahrnehmen. Den Herzschlag jedoch hört oder spürt man nicht.

Immer präsent ist der Gedanke: "Wie geht es dem Baby? Hoffentlich ist alles in Ordnung!" Mütter verzichten auf Zigaretten und Alkohol, manche auch auf rohen Fisch oder Fleisch. Trotzdem bleiben immer kleine Unsicherheiten. Gründe, weswegen sich Mütter viele Gedanken machen.

Alle Sorgen wird man ihnen niemals nehmen können, aber es gibt technische Hilfsmittel, die in bestimmten Stadien der Schwangerschaft beruhigen, unterstützen und sogar retten können. Eines davon ist der der Wehenschreiber (CTG).

Der Wehenschreiber ist 1968 in Böblingen geboren

Mit ihm messen Ärzte und Hebammen die Herzfrequenz des Ungeborenen - und zwar in Verbindung mit der Länge, Stärke und Häufigkeit der Wehen. Auch kann kontrolliert werden, ob das Ungeborene mit genug Sauerstoff versorgt wird. Das ist notwendig, um während der Entbindung die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn dem Ungeborenen beispielsweise eine Nabelschnur um den Hals liegt und die Herzfrequenz sinkt, wird notoperiert.

Früher nutzte man ein Hörrohr aus Holz - ein Pinard -, um den Herzschlag des Fötus zu hören. "Hebammen lernen immer noch mit ihm umzugehen. Er funktioniert nämlich ohne Strom, also überall", erklärt Harald Abele, stellvertretender ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen, die eng mit Philips zusammenarbeitet. Das Pinard-Rohr ermögliche aber nur eine Momentaufnahme, in der man keine Entwicklung sehen könne.

Das Konzept für den Wehenschreiber, wie er heute eingesetzt wird, hat Gynäkologe Konrad Hammacher 1965 entwickelt. Technische Unterstützung fand er bei Hewlett-Packard (HP) - die Firma war damals noch recht frisch in Böblingen. Gemeinsam brachten sie 1968 den ersten kommerziell erhältlichen non-invasiven, also nicht in den Körper eindringenden, Wehenschreiber auf den Markt. Produziert und entwickelt wurde er in der HP-Niederlassung in Böblingen.

Damals war es ein großer Kasten, der die Herzfrequenzen noch auf Papier ausdruckte. Der Wehenschreiber entwickelte sich immer weiter. Wurde kleiner, digitaler und komfortabler. 2001 kaufte Philips die "Hewlett Packard Healthcare"-Sparte auf und produzierte den Wehenschreiber weiter. 2005 wurde das erste Gerät ohne Tasten und mit Touch-Monitor herausgebracht: "Heute ist er nicht mehr wegzudenken. Wir waren da technische Vorreiter", freut sich Peter Ziese, Geschäftsführer und Leiter Forschung, Entwicklung und Marketing bei Philips Medizin Systeme Böblingen.

Nach und nach verschwanden auch die Kabel - ein Vorteil für die Mobilität der Schwangeren. Die Elektroden werden heute mit Gurten am Bauch der Frau befestigt. Das Problem dabei: Die Elektroden können verrutschen. "Es kann vorkommen, dass die Herztöne der Mutter dann für die des Babys gehalten werden. Das kann zu Fehlentscheidungen führen", sagt Abele.

Bei den Philips-Geräten wird der Puls der Mutter und des Kindes erfasst. Sollten sie deckungsgleich sein, schlägt das System Alarm. Darauf können die Ärzte reagieren. Die Daten werden an eine zentrale Überwachsungsstation übertragen, dort dokumentiert und archiviert.

Anlässlich ihres 50. Jubiläums lud Philips in Böblingen Experten aus über 50 Ländern ein, die zum Thema Medizintechnik diskutierten und referierten. Vorgestellt wurde auch die neuste Böblinger Innovation: ein Wehenmesser ohne Gurt, mit selbst klebenden Elektroden. "Unser Hauptziel ist es, dass Frauen in den Wehen mehr Bewegungsfreiheit haben", erklärt Dwan Morrall vom Gloucestershire Royal Hospital in England, "wir wollen, dass werdende Mütter davon profitieren und die Geburtserfahrung so positiv wie möglich wird." Der neue Wehenschreiber kann außerdem unter Wasser, also auch in der Geburtswanne, eingesetzt werden. Zudem verrutsche er nicht mehr so leicht und ermögliche die Überwachung bei Frauen mit hohem Body-Mass-Index (BMI).

Böblingen ist inzwischen für Philips das Zentrum der weltweiten Patientenüberwachungsaktivitäten mit über 800 Mitarbeitern, 200 davon in der Forschung und der Entwicklung. "Inzwischen beliefern wir über 150 Länder mit unseren Produkten aus Böblingen", erklärt Philips-Geschäftsführer Peter Ziese, "40 Millionen Babys kommen mit dieser Technologie jährlich zur Welt. Das sind über eine Milliarde Schwangerschaften, die wir bislang überwacht haben."

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