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Zu wenig Auftrieb

Böblingens Fliegereigeschichte ist ein ungehobener Schatz

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VON JAN-PHILIPP SCHLECHT

Artikel vom 17. November 2018 - 04:33

Was waren das für Zeiten: Böblingen, das Tor zur Welt! Als das Städtchen noch den württembergischen Landesflughafen vor seiner Haustür hatte, galt dieser Spruch. Der Flughafen brachte bis zum Zweiten Weltkrieg manchen Glanz, manche Prominenz und freilich auch so manches Geld in die schwäbische Provinz. Heute erinnert sich kaum einer mehr daran. Deshalb gibt es von vielen Seiten Bestrebungen, die Geschichte der Fliegerei in Böblingen endlich zu entstauben und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch das Vorhaben will nicht so recht abheben - aus vielerlei Gründen.

Der jetzt im Böblinger Verwaltungs- und Kulturausschuss beschlossene Vorschlag, ein Konzept für bis zu 20000 Euro entwickeln zu lassen, greift zu kurz. Ein externer Dienstleister soll ausarbeiten, wie mit allerhand Schautafeln, Info-Displays, großformatigen Leinwänden, einer Fahne sowie einer App die Geschichte der Fliegerei in Böblingen lebendig werden soll. Das Ergebnis eines solchen Auftrags scheint aber jetzt schon absehbar: Hie und da ein Schlaglicht auf einen historischen Splitter. Das ist nicht wirklich neu und dürfte dem Thema kaum neue Luft unter den Flügeln geben. Warum nicht größer denken?

Die Historie ist so reichhaltig, so spannend, so vielschichtig, dass ein paar Schautafeln dem Ganzen kaum gerecht werden dürften. In Böblingen landete in den Zwanzigern zwei Mal das Luftschiff "Graf Zeppelin", Fliegerasse waren hier zuhause, Pioniere der Luftfahrt und sogar Tragflächen-Akrobaten. Außerdem konstruierte Hanns Klemm hier seine legendären Leichtflugzeuge, weshalb sich 1915 Daimler-Benz in Sindelfingen ansiedelte - um Flugmotoren zu bauen. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 waren das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Flughafens. In Böblingen landeten einst Adolf Hitler und Joseph Goebbels. Der Flughafen erfüllte zu Zeiten des Nazi-Terrors seinen Zweck und diente den Machthabern als Ort der Inszenierung, was bisher aber kaum aufgearbeitet ist.

Doch vorher gilt es, die Historie als Ganzes viel mutiger und konsequenter als bisher nach außen zu tragen. Bisherige Versuche der Verwaltung trugen hierzu eher wenig bei. In guter Erinnerung ist vielen noch die verstolperte Inszenierung des Flughafens im ehemaligen Empfangsgebäude auf dem Flugfeld. Das Restaurant dort erinnert zwar daran mit Schautafeln im Wert von 35000 Euro. Die allerdings bezahlte dem Wirt die Stadt Böblingen, nachdem der ehemalige Oberbürgermeister Wolfgang Lützner am Gemeinderat vorbei Zusagen gemacht hatte. Eine große Leuchttafel mit dem Zeppelin darauf prangt dort jetzt über dem Pissoir. Unglücklich.

 

Als zweifellos positiv ist hingegen das Engagement der Historiker Wilfried Kapp, Reinhard Knoblich und Hans-Jürgen Sostmann zu bewerten. Sie bringen unglaublich viel Engagement ein. Ihr Anteil daran darf nicht unterschätzt werden. Es ist lobenswert, dass die Verwaltung die drei in die Arbeitsgruppe um Kulturamtsleiter Peter Conzelmann aufgenommen hat, die ein Konzept für die Fliegereigeschichte erarbeiten sollte. Trotzdem hätte die Phantasie der Gruppe weiter gehen können.

 

Neben den Fliegern waren auch Pioniere des Digitalzeitalters in Böblingen am Werk. Zimmergroße Computer im IBM-Labor auf dem Rauhen Kapf zeugen noch heute davon. Das Labor wird aber bekanntermaßen bald der Vergangenheit angehören. Spätestens dann braucht es Platz für diese stummen Zeugen der digitalen Revolution, sollen sie nicht verschütt gehen. Die Galerie der Stadt Böblingen zwängt sich seit jeher gemeinsam mit dem Bauernkriegsmuseum in der Zehntscheuer zusammen. Ein wirkliches Stadtmuseum fehlt. Das erkannte auch der amtierende OB Stefan Belz im Wahlkampf. Auf Seite 16 seines Wahlprogrammes von diesem Jahr hieß es: "Für ein Stadtmuseum werde ich mich einsetzen." Hält er Wort, könnten die historischen Schätze Böblingens dereinst in einem passenden Rahmen erstrahlen.

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