Woher kommt der Name "Rauher Kapf"?

Serie zu Böblinger Stadtteilnamen (Teil 5 und Schluss): Der Rauhe Kapf ist erst seit 1964 besiedelt - Einst Eisenbahnlinie nach Schönaich

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    Der ehemalige Stadtarchiv-Mitarbeiter Hans-Jürgen Sostmann besitzt diese Markungskarte von Böblingen (etwa von 1910), auf der man wunderbar die alte Bahnlinie Richtung Schönaich sieht

Etwas abgenabelt von der Reststadt ist der Rauhe Kapf. Der kleinste Böblinger Stadtteil mit 900 Einwohnern liegt nahe an Schönaich. Aber was bedeutet dieser Name? Und wie kam er zustande? In einer Sommerserie haben wir Flurbezeichnungen beleuchtet - hier der letzte Teil.

Artikel vom 12. September 2018 - 14:30

Von Robert Krülle und Michael Stürm

BÖBLINGEN. Der Flurname "Rauher Kapf" sagt viel über seinen Status in früheren Jahrhunderten aus. "Er klingt nicht alltäglich, ja sogar ein wenig fremd, seine Bedeutung ist aber einleuchtend", schrieb Stadtarchivar Christoph Florian zum 50-jährigen Bestehen des Stadtteils 2014. Der Name komme vom mittelhochdeutschen "kapfen", was so viel wie "verwundert schauen" oder "gaffen" bedeute. Die Konsequenz formuliert das Flurnamenlexikon Baden-Württemberg: "Ein Kapf ist eine Bergkuppe. Meist werden auffällige Berge, oft mit guter Aussicht, so benannt."

Auch der Bestandteil "Rauher" erzählt viel über das Gebiet. In der Fachliteratur heißt es, dass "rauh [...], für unebenen und steinigen, unfruchtbaren und dichtbewachsenen Untergrund" stehe. Der Name "Rauher Kapf" bezeichnet also einen Aussichtsberg mit einem ungünstigen oder unfruchtbaren Boden. "Er muss zu einer Zeit entstanden sein, als der Berg gerodet war und vielleicht als Schafweide diente", vermutet Florian, "durch das Fehlen der Bäume hatte man eine fantastische Sicht." Allerdings weist die württembergische Forstkarte vom Ende des 17. Jahrhunderts den Rauhen Kapf bereits wieder als Waldgebiet aus.

Stadtteilnamen wie Rauher Kapf oder Diezenhalde sind heute täglich im Gebrauch - dass diese Bezeichnungen aber oft Jahrhunderte alt sind, ist vielen nicht bewusst. Als Landkarten noch wenig bis gar nicht benutzt wurden, erleichterten die Flurnamen schlichtweg die Orientierung der Menschen. Wo befinde ich mich, und wo will ich hin? Was ist hier, was ist dort? Und natürlich: Wem gehört was?

"So bekamen die Gebiete bestimmte Namen, die etwas mit ihrem Aussehen, ihrer Lage, ihrer Funktion oder den Eigentumsverhältnissen zu tun hatten", erläutert Christoph Florian. Erstmals in die Landkarten geschafft hat es der Rauhe Kapf im 19. Jahrhundert. In der Württembergischen Flurkarte aus dem Jahr 1830 ist der Name zu finden. Vorher wurde er wohl nur bei den Einheimischen verwendet.

Beinahe hätte das Areal "Waldsiedlung Albblick" geheißen

Das änderte sich, als die Moderne 1959 über den Rauhen Kapf hereinbrach. Die IBM hatte den Ort für ein Forschungslabor ausgewählt, in dem mehrere tausend Mitarbeiter beschäftigt werden sollten. Also mussten die Stadtverantwortlichen auch neuen Wohnraum schaffen. 328 Wohnungen, davon 63 in Einfamilienhäusern sollten am Rauhen Kapf für Entlastung sorgen. Seit 1964 steht der Stadtteil mit der zentralen Taunusstraße und dem markanten Mehrfamilienhäuser-Komplex des berühmten Architekten Hans Scharoun. Nicht umsonst ist der Rauhe Kapf mittlerweile zu einem Kulturdenkmal erhoben worden. Übrigens war seinerzeit die Umbenennung "Waldsiedlung Albblick" im Gespräch, fand (zum Glück) aber keine Mehrheit.

In der Tat hat man von dort oben einen wunderbaren Blick gen Süden. Nicht umsonst legten der Böblinger und der Schönaicher Verschönerungsverein 1911 an der Gemarkungsgrenze auf dem Rauhen Kapf eine Aussichtsplattform an. Dabei verlief unmittelbar nördlich des späteren Stadtteils seit 1922 eine Nebenstrecke der Schönbuchbahn. "Ursprünglich sollte dieses Bahn bis Waldenbuch führen", berichtet Stadtarchivar Christoph Florian, "schließlich blieb vom Projekt nur noch eine kleine Stichbahn übrig."

Die Verbindung erstreckte sich vom Bahnhof Schönaicher First (jetzt Zimmerschlag) bis Schönaich und war ganze drei Kilometer und 30 Meter lang. Allerdings wurde 1954 der Personenverkehr und 1959 der Güterverkehr auf dieser Trasse eingestellt. Wenig später schossen dafür Häuser aus dem Boden. Es entstand die Siedlung "Rauher Kapf", wie wir sie heute kennen. Eigentlich ein idyllisches Fleckchen Erde - wenn nicht der Schießlärm der US-Streitkräfte den Kapflern die vergangenen Jahre immer wieder vermiest hätte.

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