Hitlers Kriegsmaschine rollt in die Stadt

Heute vor 80 Jahren haben die Nationalsozialisten die Böblinger Panzerkaserne mit einer großen Propaganda-Aktion eingeweiht

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    Die Panzer kommen: Am 9. April 1938 befindet sich Böblingen im Ausnahmezustand. Am Postplatz sind die lokalen Nazi-Größen aufmarschiert, das Volk gibt die Kulisse Fotos: Archiv

Am 9. April 1938 rasseln in Böblingen die Ketten. Vom Bahnhof bis hinauf in den Wald brummen Panzer. Hakenkreuzfahnen und begeisterte Menschenmengen säumen ihren Weg Richtung Waldburg. Das 8. Panzerregiment bezieht sein Quartier in der neu erbauten Hindenburg- und Ludendorff-Kaserne. Böblingen ist wieder Garnisonsstadt.

Artikel vom 09. April 2018 - 04:00

Von Michael Stürm

BÖBLINGEN. Eineinhalb Jahre lang arbeiten über 1000 Arbeiter mitten im Wald, rund drei Kilometer vom Oberamtsstädtchen entfernt, an einem Projekt, das zum gigantischen Aufrüstungsprogramm des Hitler-Regimes zählt: Böblingen ist als einer der Standorte ausgewählt worden, die nach Gründung der Wehrmacht im Jahr 1935 helfen sollen, Deutschland wieder kriegstauglich zu machen.

In Tag- und Nachtschichten rammen die Bauarbeiter einen riesigen Militärgebäude-Komplex in die Wildnis zwischen Böblingen und Stuttgart. Das Kasernen-Projekt hoch über der Stadt hat rasch seinen Spitznamen. Die Bauarbeiter sprechen wegen des unwegsamen Geländes von der "Urwaldbaustelle", wenn sie von ihrem Einsatzort in Böblingen berichten.

Der Bahnanschluss, der Flughafen, das Daimlerwerk: Das Umfeld scheint Böblingen in den Augen von Hitlers-Kriegsstrategen bestens zu empfehlen für solch eine Aufgabe. Deshalb werden die Stadtväter auch nicht lange gefragt, ob die neuen Mitbewohner genehm sind und der Standort in Ordnung ist. Die NS-Verantwortlichen machen kurzen Prozess und beschließen, das Bauwerk mitten in den Böblinger Stadtwald zu pflanzen. 620 Hektar Baumfläche, das ist die Hälfte des damaligen Böblinger Waldbesitzes, fallen dem Bau-Befehl zum Opfer. Gerade mal neun Reichspfennig pro Quadratmeter gibt's dafür als Entschädigung. Eine Summe, die bei den Stadt-Verantwortlichen nicht gerade für Freude sorgt.

Beim Daimler gibt's frei

Eineinhalb Jahre später hatte sich die Stimmung in der Stadt wohl gewandelt. Nazi-Deutschland befindet sich im großdeutschen Wahn, begibt sich auf Expansionskurs, hat gerade Österreich "angeschlossen" und steht kurz vor der Einverleibung der Tschechoslowakei, als in Böblingen am 9. April 1938 zum Volksfest gerufen wird: Das 8. Panzerregiment rollt aus Zossen bei Berlin an, um die neu erbaute Kaserne in Besitz zu nehmen. Die Stadt verwandelt sich, rund 30 Jahren nachdem sie Fliegerstützpunkt im 1. Weltkrieg war, wieder zu einem wahrnehmbaren Punkt auf der Landkarte der Militärs. 1000 Soldaten werden zu neuen Mitbewohnern. Böblingen ist wieder Garnisonsstadt.

Um dieses Ereignis zu feiern, inszeniert das Hitler-Regime eine gigantische Propagandaschau und verwandelt Böblingens Straßen in eine Aufmarschzone für die Partei und die Militärs. Vom Bahnhof bis zum Postplatz sind Häuser und Straßen mit Hakenkreuzfahnen behängt, aus der Luft grüßt ein Flugzeug mit dem Parteizeichen, am Boden säumen Tausende die Straßen und feiern die Soldaten in ihren Panzern. Das öffentliche Leben ruht. Selbst das Daimler-Werk in Sindelfingen steht still, damit die Mitarbeiter Teil der Jubelkulisse werden können. Rund 12 000 Menschen lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, am Nachmittag einen Blick in die Kaserne zu werfen und werden dort von der Feldküche bekocht.

Der Böblinger Bote berichtet in einer Sonderbeilage von einer "Triumphfahrt" der Panzer durch die Stadt. Der Postplatz befindet sich in der Hand von NSDAP-Mitgliedern und SA-Leuten. Auf der Tribüne vor der Brauereigaststätte sitzen die Honoratioren und die lokale Parteiprominenz. Die geizt nicht mit nationalistischem Pathos und kriegerischem Vokabular, als Kommandeur Oberst Johann Haarde den Schlüssel für seine Truppe in Empfang nimmt. "Wir Böblinger sind stolz, wiederum Garnisonstadt zu sein. Der Volksverrat vom 9. November 1918 raubte uns Deutschen das heilige Wehrrecht", ruft Bürgermeister Otto Röhm der Truppe entgegen. Bauleiter Bild wünscht sich, "daß jedes Jahr blühende deutsche Jugend hier zu wahrhaften deutschen Männern erzogen werden möge, zum Schutz und Schirm unseres großdeutschen Vaterlandes".

Sätze, die die Namensgeber der Kaserne, Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, wohl gerne gehört hätten. Beide waren in Militärkreisen angesehene Weltkrieg-1-Helden und zählten zu den treibenden antidemokratischen Kräften, die Hitler in der Weimarer Republik zum Aufstieg verhalfen.

Die Bierstuben profitieren

Allzuoft werden die neuen Kasernenbewohner allerdings nicht in ihrer neuen Heimat sein. Bald erledigen sie den Hitlerschen Angriffskrieg an sämtlichen Fronten des 2. Weltkriegs. Und dennoch sorgen die Soldaten, glaubt man den Quellen, für Leben in der damals 8000 Einwohner zählenden Stadt. Die Preußen gelten als das "fröhliche Regiment", was sich wohl vor allem für die Kneipen und Bierstuben in der Stadt auszahlte. Viele Militärs bringen ihre Familien aus Zossen mit ins Schwabenland und werden in Böblingen sesshaft - einige bis heute.

Mit der Befreiung vom Nazi-Regime im Mai 1945 ist auch das Ende der Hindenburg- und Ludendorff-Kaserne gekommen. Zunächst übernehmen die Franzosen das Regiment in Böblingen. Am 7. Juli ziehen dann die Amerikaner in Hitlers Soldatenunterkunft ein. Mit den neuen Herrschern kommt auch ein neuer Name, der sich im Volksmund wohl längst eingebürgert hatte: Die Militärstadt im Böblinger Wald wird endgültig zur Panzerkaserne.

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