Opfer fürchtet Haftstrafe für Täter

51-Jähriger erhält Bewährungsstrafe für Vergewaltigung - Nach Alkoholentzug wieder ein Paar

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    Ein Nein ist ein Nein - auch unter Paaren in der vertrauten Umgebung des Schlafzimmers. Dies macht auch das Urteil des Amtsgerichtes Böblingen im Fall der Vergewaltigung und Körperverletzung an einer 55-jährigen Frau deutlich Symbolfoto: Archiv

Artikel vom 09. August 2017 - 17:30

Von Otto Kühnle

BÖBLINGEN. Die Furcht war mit Händen zu greifen. "Das Schlimmste wäre, ihn wegzusperren", schilderte Vanessa K. der Kripobeamtin ihre Ängste. Dabei hatte Joachim P. (alle Namen geändert) sie im Mai vergangenen Jahres vergewaltigt. Doch seit damals "ging es steil nach oben, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht", beschrieb das Opfer die Entwicklung des Mannes, mit dem sie vor der Tat zusammen war und mit dem sie jetzt wieder zusammenlebt. Das Gericht folgte in seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den 51-Jährigen zu einem Jahr und acht Monaten - auf Bewährung. Damit fiel beiden ein Stein vom Herzen. Ein Urteil nach Wunsch, sozusagen. Das dem Täter erlaubt, den nach einer Alkoholentziehungskur eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Danach sah es vor einem starken Jahr im Mai nicht aus. Der Angeklagte und das Opfer lebten zwar in einer Kreisgemeinde zusammen, aber doch getrennt. Denn die 55-jährige Vanessa K. hatte sich wegen der Alkohol-Eskapaden von ihrem Freund Joachim P. getrennt. Ihm dann aber doch wieder Unterschlupf gewährt. Und das nicht nur im Haus. Sondern auch im gemeinsamen Bett. Doch Intimitäten hatte es seit Anfang 2015 keine mehr gegeben.

Das sollte sich in der Nacht auf den 19. Mai ändern. Da tauchte Joachim P. nach einer Sauftour im Schafzimmer auf, offenbar "sturzbetrunken", wie Vanessa K. einmal bei der Polizei zu Protokoll gab. Die 55-Jährige wartete, bis ihr Freund schlief. Dann öffnete sie das Schlafzimmerfenster und wollte selbst zu Bett gehen. Davon wurde Joachim P. wach. Und machte sich an Vanessa K. heran. Die wehrte die Annäherungsversuche ab, wurde aber weiter bedrängt. "Du willst das doch, ich brauche das, ich liebe dich", soll der Angeklagte weiter zudringlich geworden sein. Schließlich habe er Vanessa K. auf den Bauch gedreht, mit Gewalt ihre Schenkel auseinandergedrückt. Was ihr wegen eines Hüftleidens Schmerzen verursachte. Dann drang er in sie ein und penetrierte sie bis zum Erguss. Was die DNA-Analyse des Landeskriminalamtes zweifelsfrei anhand der Spermaspuren belegen konnte.

"Die Tat war relativ brutal, das war erniedrigend", befand Richter Werner Kömpf in seiner Urteilsbegründung. Er habe die Frau schließlich gepackt und rungedreht, da könne man nicht von einem fehlenden Vorsatz ausgehen. Der Angeklagte nahm zu den Vorwürfen selbst keine Stellung. Ließ aber seinen Verteidiger zur Person wie zum Tathergang sprechen. Allerdings erinnere er sich da an nichts mehr, beteuerte der Täter, schließlich habe er sehr viel getunken gehabt. Doch wie viel genau er intus hatte, das entzog sich dem Gericht, ließ sich nicht rekonstruieren. Auch eine Sachverständige geriet ins Spekulieren. Da der Täter aber vor der Vergewaltigung das Fenster zugemacht und den Rolladen geschlossen hatte, gingen Sachverständige, Staatsanwaltschaft und Gericht davon aus, dass allenfalls eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegen könne. Auch dass er sich schon während der Tat dafür entschuldigte und sich hernach erkundigte, ob Vanessa K. die Polizei angerufen habe, deutet darauf hin, dass er keinen kompletten Filmriss gehabt haben könne.

Schwierige Biografie des Täters

Dass der Angeklagte das Gericht auf Bewährung verlassen konnte, verdankt er seiner ehemaligen und aktuellen Freundin, die er vergewaltigt hatte. Denn die wollte alles andere, als ihn im Knast zu sehen. Denn nach der Tat begab sich der 51-Jährige für dreieinhalb Monate zur Entziehungskur. War er bis dahin im Rausch nur gegen Sachen aggressiv geworden, so war seine Vergewaltigung auch ein Weckruf. Im Januar aus der stationären Therapie entlassen und immer noch ambulant betreut, trinkt er seitdem keinen Alkohol mehr. Und ist mit seiner ehemaligen Freundin wieder zusammen. "Sie unterstützen sich gegenseitig, verbringen die Freizeit und schlafen in einem Bett", beschrieb der Verteidiger die aktuelle Beziehung. Und verwies auf die schwierige Biografie des Täters, der nach einem Knastaufenthalt wegen Diebstählen in den 90er Jahren die Kurve gekriegt, 2001 geheiratet und 2002 eine Tochter bekommen hatte. Doch 2004 wurde seine Frau auf dem Fahrrad von einem Lkw getötet - wohl ein Bruch, der zum Alkohol führte. Die Tochter lebt bei seiner Schwester.

Die 120 Stunden gemeinnützige Arbeit, so hofft der Richter, könnten ihn auch wieder in den Arbeitsmarkt zurückführen, da er mit der Entziehungskur seinen Job als Arbeiter verloren hatte. Denn derzeit lebt der Mann von 600 Euro Witwenrente. Und muss noch jede Menge Schulden bereinigen.

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