Drogen: 18-Jähriger muss 18 Monate hinter Gitter

Syrer wegen bewaffneten Drogenhandels zu 18 Monaten Jugendstrafe verurteilt

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    Zum Handel und nicht alleine zum Eigenverbrauch kaufte ein 18-jähriger Syrer Cannabis-Produkte Foto: Archiv

Artikel vom 28. März 2017 - 15:18

Von Otto Kühnle

BÖBLINGEN. Nach dem Urteil verbarg Hamin K. (alle Namen geändert) sein Gesicht in den Händen, wollte sich gar nicht von der Anklagebank erheben, um sich vom Wachtmeister wieder die Handschließen anlegen zu lassen. Doch genau dies hatte das Urteil verfügt, die Hoffnung auf eine Bewährungsstrafe war im Gerichtssaal zerplatzt. Die vier Freunde in der Zuhörerreihe konnten sich nur noch durch Zurufe verständigen und verabschieden. 18 Monate Jugendhaft verhängte das Jugendschöffengericht unter Richter Ralf Rose. Fünf Monate U-Haft hat der 18-jährige Syrer bereits hinter sich. Und um ein Haar wäre das Gericht dem Antrag des Staatsanwalts gefolgt und hätte den bewaffneten Handel mit Betäubungsmitteln nach dem Erwachsenen-Strafrecht bewertet.

Zum Verhängnis wurde dem Anfang 2016 nach Deutschland eingereisten jungen Syrer sein Mitbewohner Mohammed B., den die Behörden kurzzeitig in die Asylbewerberunterkunft in Böblingen einquartierten. Der 35-jährige Tunesier hatte Streit mit seiner Frau, wurde von Jettingen in die Kreisstadt verlegt. Wortreich schilderte er dem Gericht die Vorgänge in dem Zimmer, das er mit dem Angeklagten bewohnte. Mit der parallelen Übersetzung durch den Dolmetscher hatten das Gericht und die Schulklasse der Oskar-Schwenk-Schule aus Waldenbuch ordentlich Mühe, in den Wortschwall eine nachvollziehbare Struktur zu bringen.

Soviel Ordnung brachte Richter Rose aber denn doch in die wort- und gestenreiche Erzählung: Als sich Mohammed B. in der Nacht zum 1. November schlafen legte, steckte er seinen Geldbeutel unters Kopfkissen. Am anderen morgen lag dieser unterm Bett und 100 Euro fehlten. Dieses Geld forderte er von dem Angeklagten zurück. Und drohte mit der Polizei. Denn er hatte auch beobachtet, wie immer wieder Freunde des Angeklagten kamen, um mit diesem gemeinsam Marihuana zu rauchen.

Dabei habe er auch zweimal gesehen, wie Geld den Besitzer wechselte. Zudem gehörten auch Minderjährige zu den Abnehmern. Und im Schrank des Hamin K. lagen fertig portionierte Marihuana-Päckchen und Haschisch-Platten. So fürchtete Mohammed B., als Tunesier Probleme zu bekommen, wenn er mit dem Rauschgift in Verbindung gebracht werden sollte. Weshalb Mohammed B. mit einem Freund zur Polizei ging und Anzeige erstattete. Zuvor jedoch fotografierte der das Drogendepot.

Die Polizei fand bei ihrer Durchsuchung 36,2 Gramm Marihuana in 25 Portionspäckchen, 39 Gramm Haschisch, acht Ecstasy-Tabletten, eine Kleinmenge Haschisch - und im Schrank unter Kleidern ein Nunchaku, ein sogenanntes Würgeholz. Dieses aber gilt auch in seiner hier vorgefundenen soften Version als Waffe. Weshalb Hamin K. bewaffneten Drogenhandel betrieb, auch wenn er die Waffe nicht am Körper trug oder gar einsetzte. Die Menge an Betäubungsmitteln geht in Juristenkreise auch nicht mehr als geringe durch, so dass das Strafmaß höher angesetzt werden musste. Auch wenn die Anklage wegen Diebstahl eingestellt wurde.

Der Version des Angeklagten schenkte das Gericht keinen Glauben. Der wollte das Rauschgift nur zum Eigenverbrauch mit Freunden erworben haben. Dazu habe man 200 Euro zusammengelegt und bei einem Algerier die besagte Menge Drogen eingekauft. Der sei auf der Flucht gewesen und habe deshalb einen solch niedrigen Preis angesetzt. Der Marktwert hat aber rund das Vierfache betragen. Weshalb Richter Rose zu dem Schluss kam, dass es für den Angeklagte besser gewesen wäre, er hätte geschwiegen. "Die Geschichte, die sie uns erzählt haben, kommt aus 1001 Nacht. Wir nehmen ihnen die Geschichte mit der Einkaufsgemeinschaft nicht ab", begründete er sein Urteil. Die portionierten Drogen waren für den Handel bestimmt, "alles andere macht keinen Sinn, ist nur erstunken und erlogen".

In Syrien gefoltert

Da halfen dem Angeklagten auch seine Fluchtgeschichte und seine Traumatisierung in Syrien durch einen 15-monatigen Gefängnisaufenthalt mit Folter nicht. Die Spuren trägt er noch am Rücken, verletzt sich mit Schnitten heute noch selbst. Zwei Brüder hat er im Bürgerkrieg verloren, deshalb habe er zu Drogen gegriffen.

Doch auch wenn er schwer traumatisiert sei, hatte das Gericht Bedenken, nach dem Jugendstrafrecht zu urteilen. Er sei nämlich "reifer als ein normaler 18-Jähriger", benötige aber psychotherapeutische Behandlung. Fast hilflos klang es, als Richter Ralf Rose meinte, dass das Gericht ja erzieherisch auf Hamin K. einwirken müsse. Der aber keinerlei Reue und Einsicht zeigte. Deshalb wurde es auch nichts mit der Bewährung und dem "engen Korsett der Betreuung", das der Verteidiger gerne gehabt hätte.

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